Bielefeld Alleingelassen in der Provinz

Experte: Leben in dünn besiedelten Gebieten wird härter

Bielefeld. Als der Berliner Architekt und Publizist Philipp Oswalt (48) vor vier Jahren in sein neues Amt als Direktor der berühmten Dessauer Bauhausstiftung berufen wurde, da war der Fachwelt klar, dass ein visionärer Mann ab sofort das Sagen haben würde.   Alles, was in der Welt heute bedeutsam sei, von der Globalisierung über die Finanzkrise bis hin zum Klimawandel, solle auch die berühmte Bauhaus-Stiftung bewegen, so lautet Oswalts Credo. Der neue Leiter gehöre zu einer Generation von Architekten, denen "die Rekonstruktion zuwider" sei und die "nach neuen städtebaulichen Ideen streben", schrieb damals das Nachrichtenmagazin Focus. Aktuell hat sich Oswalt allerdings auch über den ländlichen Raum Gedanken gemacht. In der deutschen Provinz, so seine provokante Aussage, könne die Daseinsvorsorge dauerhaft nicht mehr aufrechterhalten werden. Die Idee, alle Menschen gleich gut zu versorgen, werde in Zukunft nicht mehr funktionieren.Versorgung pro Kopf wird immer teurer Wenn die Besiedelung in den ländlichen Räumen immer mehr ausdünne, dann werde es – pro Kopf gerechnet – immer teurer, dort für Strom, Wasser, Bildung, Telekommunikation, Kultur und geteerte Straßen zu sorgen. Das sei "letztendlich nicht mehr zu bezahlen", glaubt Oswalt. Im übrigen wäre es seiner Ansicht nach auch ungerecht, diese hohen Kosten der Allgemeinheit aufzubürden, sagt Oswalt in einem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung. Wer aufs Land zieht, der müsse schon selbst sehen, wie er dort klarkommt. Schon jetzt sei die Provinz in der Realität zum Beispiel mit Schulen oder beim öffentlichen Nahverkehr viel schlechter als städtische Regionen versorgt. Der Öffentlichkeit werde aber etwas in die Tasche gelogen: "Da ist die Politik nicht ehrlich. Es traut sich niemand, die immer wieder beschworene Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Frage zu stellen", betont der Stiftungsdirektor. Seine Thesen könnten auch für Teile von Ostwestfalen-Lippe in ein paar Jahrzehnten von Bedeutung sein. Zwar herrschen hier noch keine Verhältnisse wie in einigen extrem dünn besiedelten ostdeutschen Landstrichen. Aber auch in OWL bluten einige Gegenden immer mehr aus. Nach den Prognosen der Detmolder Bezirksregierung wird infolge von Abwanderung und Geburtendefizit der ohnehin schon strukturschwache Kreis Höxter bis zum Jahr 2030 gut 15 Prozent seiner Einwohner verlieren. In den Kreisen Lippe und Minden-Lübbecke sind es jeweils etwa zehn Prozent.Lippes Landrat Heuwinkel widerspricht heftig Höxters Landrat Friedhelm Spieker (CDU) wollte sich trotzdem nicht zu Oswalts Argumenten äußern. Der Landrat kenne Oswalts Studie nicht, außerdem könne man Sachsen-Anhalt, wo eine Bauhaus-Projektgruppe drei Szenerien für das Leben im Jahr 2050 entwickelt hat, von den Bevölkerungsdaten keineswegs mit dem Kreis Höxter vergleichen, sagte Spiekers Sprecherin Silja Polzin. Eindeutig und klar antwortet dagegen Friedel Heuwinkel, Landrat des Kreises Lippe. "Als ich das gelesen habe, standen mir die Haare zu Berge", sagt er. Jeder wisse doch, dass die Entwicklung einer Gesellschaft im ländlichen Raum begonnen habe. Bis zum heutigen Tag würden hier die Nahrung und in verstärktem Maße auch saubere Energie produziert. "Deshalb sind wir gut beraten, wenn wir die Provinz stärken, damit die Städte überleben können – und nicht umgekehrt", fordert Heuwinkel. Man müsse "nicht alles zentralisieren". Auch in dezentralisierten Strukturen auf dem Land lasse sich "eine gute Lebensqualität erhalten". Allerdings seien hier intelligente Lösungen gefragt. Im öffentlichen Nahverkehr reiche es beispielsweise aus, wenn kleinere Busse oder Taxis eingesetzt werden. Auch ein "Leerstandsmanagement", wie es der Kreis Lippe seit einigen Jahren betreibt, könne dem Immobilienmarkt im ländlichen Raum zum Beispiel Impulse verschaffen. "Im Notfall muss ich ein altes Gebäude auch mal abreißen", sagt Heuwinkel.Experte: Entwicklung "nicht umkehrbar" Ein Perspektive bis 2050, wie sie die Dessauer Bauhausstiftung für Sachsen-Anhalt untersucht, sei zwar "sehr langfristig" und deshalb mit einigen Unsicherheiten behaftet, sagt Carsten Große Starmann, "Projektmanager demografischer Wandel" in der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung. Trotzdem teile auch er manche von Oswalts Thesen. "Wir erleben weltweit eine Urbanisierung", sagt Große Starmann. Die Menschen ziehen in die Städte, weil dort Bildung, Ausbildung und vor allem Arbeitsplätze zu finden sind. Diese Sogwirkung werde anhalten. Sie sei "nicht umkehrbar". Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung werde sich in den nächsten fünf Jahrzehnten nicht überall in Deutschland das gleiche Maß an Daseinsvorsorge und Infrastruktur aufrechterhalten lassen, glaubt auch Große Starmann. Die im Artikel 72 des Grundgesetzes postulierte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse müsse "neu interpretiert werden". Das traue sich die Politik bislang aber nicht. Gleichwertigkeit bedeutet ja auch nicht Gleichheit, sagt Große Starmann. Ähnlich wie Oswalt plädiert auch er dafür, die Dinge großräumiger zu betrachten. Nicht an jedem Ort müsse eine Kita, eine Schule oder eine Arztpraxis vorhanden sein. Man müsse aber "den Zugang in vertretbaren Distanzen ermöglichen". Gerade in der Provinz sei "Kirchturmdenken" kontraproduktiv. Man müsse hier viel stärker zu interkommunaler Zusammenarbeit finden. Notwendig sei ein radikales Umdenken. Aber auch das Absenken von Standards und bürokratischen Vorschriften. Es gebe "unzählige Beispiele für eine selbstorganisierte Versorgung – von der Schule über den Nahverkehr bis zu Strom und Wasser", sagt der Direktor der Bauhaus-Stiftung, Philipp Oswalt. Er will damit den Menschen in ländlichen Regionen offenbar Mut zusprechen. Vielleicht werden sie aber auch aus Not erfinderisch.

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