OWL Feuergefahr in Pflegeheimen besonders groß

Risiko fünfmal höher als im Durchschnitt

Bielefeld. Der Brandschutz in Alten- und Pflegeheimen lässt trotz zahlreicher Vorschriften und Warnanlagen zu wünschen übrig. Experten warnen vor den Gefahren. Sie würden unterschätzt und tabuisiert. Vor allem in älteren Einrichtungen könne es zu Problemen kommen, wenn sie nicht auf dem neuesten Stand sind, sagt Karsten Weber, Feuerschutzdezernent im Regierungspräsidium Detmold. Erst vor zwei Wochen war in einem Wohn- und Pflegezentrum in Enger (Kreis Herford) ein Feuer ausgebrochen, weil ein Bewohner vermutlich mit Kerzen hantiert hatte. Sechs Opfer wurden verletzt, eines davon schwer. In Enger habe die Rauchmeldeanlage angeschlagen, auch die weiteren Alarmierungs- und Rettungsketten hätten "vorbildlich" funktioniert, sagt der Herforder Polizeisprecher Uwe Maser. Das ist aber nicht immer der Fall. "Jede Woche brennt es in einem deutschen Altenheim", sagt Frank Dieter Stolt im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist Brandschutzsachverständiger und Lehrbeauftragter am Institut der Feuerwehr NRW. Sicherheitsexperte Stolt hat sich mit der Thematik intensiv beschäftigt und die genannte Zahl anhand von offiziellen Meldungen und Berichten erhoben. Darüber hinaus gebe es sogar noch eine "Dunkelziffer der Brandfälle", glaubt Stolt, denn aus "Angst vor Imageverlust" würden viele kleine Brände nicht gemeldet und vom Personal gelöscht. Zur Überzeugung von Stolt hat die Brandgefahr in Alten- und Pflegeheimen in den letzten Jahren "nicht ab-, sondern zugenommen".Risiko fünfmal höher als im Durchschnitt "Das Risiko, in einer Altenpflegeeinrichtung infolge von Rauch und Flammen zu sterben, ist fünfmal höher als das in der Durchschnittsbevölkerung", sagt Volker Meyer, Vorsitzender des Vereins "Mission sicheres Zuhause". Weil die Heimbewohner "keine Lobby haben" und sich in einem Brandfall aufgrund körperlicher oder geistiger Defizite häufig "nicht mehr aus eigener Kraft retten" könnten, sei es ihm "eine Herzensangelegenheit, auf Defizite in diesem Bereich hinzuweisen". Während sich mehrere Heimbetreiber auf Anfrage nicht äußerten, warnen Feuerwehrleute vor einer Dramatisierung des Problems. "Das Sicherheitsniveau ist in diesem Bereich in den letzten Jahren verbessert worden", sagt Bernd Heißenberg von der Bielefelder Feuerwehr. Regelmäßig würden Brandschauen durchgeführt und die baulichen und technischen Sicherheitssysteme überprüft. Im März 2011 wurde in NRW eine verschärfte Richtlinie zu den Sicherheitsanforderungen in Pflege- und Betreuungsheimen erlassen, aber alte Einrichtungen haben Bestandsschutz. Gerade hier ließe sich noch einiges verbessern, sagt Martin Klimmek vom Institut für Schadensverhütung in Kiel. Bisweilen seien in Zimmern noch "Herdplatten verbaut, die alte Leute nicht mehr bedienen können". Die Heime selbst stünden vor einem "fast unlösbaren Zielkonflikt", sagt Sicherheitsexperte Stolt. Einerseits wollten sie eine wohnliche Atmosphäre mit Dekorationen und Leuchten schaffen, andererseits bringe das auch höhere Brandgefahren mit sich. Auch die Tatsache, dass immer mehr demente Menschen in den Heimen leben, erhöhe das Brandrisiko. Zudem werde stark am Pflegepersonal gespart. "Zwei Drittel aller Brände passieren nachts – wenn nur wenige Kräfte im Einsatz sind."

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