Serie "Olympische Momente" Beachvolleyballer Brink und Reckermann baggern Gold

Endlich wieder Sand statt Sofa

Münster. Das Sandmännchen liegt längst schon in der Heia, jetzt fesseln die Sandmänner die Nation an den Fernseher. 9,2 Millionen Deutsche verfolgen das historische Sandkastenspiel von London. Es ist 23 Uhr deutscher Zeit, Julius Brink und Jonas Reckermann sind drauf und dran, auf der Horse Guards Parade den olympischen Goldschatz zu heben. Dreimal hat das deutsche Duo Matchball gegen die favorisierten Strandjungs aus Brasilien Alison Cerutti und Emanuel Rego. Das Schicksal scheint nun doch Muffensausen zu bekommen – Gold für Brink/Reckermann? Das wäre dann doch zu tolldreist, sie wären ja die ersten Europäer mit olympischem Beachgold. Das Schicksal gibt sich beim vierten Matchball um 23.02 Uhr einen Ruck: Regos Ball wird vom Schiedsrichter aus gegeben. Julius Brink, 30 Jahre, Sportsoldat und Jonas Reckermann, 33 Jahre, Student, toben wie kleine Kinder im Sand. Tatsächlich, sie haben sich die "Kronjuwelen" geschnappt, wie sie es tagelang gesagt haben.Gummipuppen als Maskottchen Es ist aus deutscher Sicht die größte Sensation der Olympischen Spiele von London – und die lustigste Pressekonferenz. Es geht unter anderem um ihre Maskottchen: Gummipuppen. Wo Brink/Reckermann sind, da ist die Leichtigkeit – und die Schlüpfrigkeit. Mitte Dezember, die Freude hat sich etwas gesetzt. Brink/Reckermann haben bei der Wahl zum Sportler des Jahres in Baden-Baden gerade einen schlagfertig-schlüpfrigen Dialog mit den ZDF-Moderatoren Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne geliefert. Sie machen sich deshalb keinen Kopf. "Ach, wir stehen da drüber", sagt Reckermann, der Zweimeter-Recke. "Wir sind froh, nicht mehr wie früher dauernd Fragen beantworten zu müssen, wie lange die Bikinis bei den Beachvolleyball-Frauen sein sollen. Bei launigen Fragen geben wir halt gerne launige Antworten." Dazu hatte das Zwei-Mann-Team in den vergangenen Monaten reichlich Gelegenheit. Sie wurden in Talkshows und bei Ehrungen herumgereicht, wurden unter anderem mit dem Bambi in der Kategorie Sport geehrt und, das Beste zum (Jahres-)Schluss, mit Platz zwei in Baden-Baden. Sie genossen es. "Das war zum Teil schon eine Präsenz, die mit dem Sport wenig zu tun hat", sagt Julius Brink. Jonas Reckermann ergänzt: "Aber wir wollten den Erfolg so mit rüber in den Winter ziehen." Da sind die Beacher normal kein Thema, da trainieren sie nur. Das Training, das normale Leben, hat für Brink/Reckermann Anfang Dezember wieder angefangen.Sand statt Sofa Seither "sind wir wieder im Sand", wie es der 186 Zentimeter große Brink ausdrückt. Sand statt Sofa. Soda statt Sekt. Schweinehund statt Scheinwerfer. "Das war jetzt alles sehr, sehr schön. Das war das süße Leben", sagt Brink. "Da vergisst man nur ganz gerne, dass man einen tagtäglichen harten Kampf gegen sich selber auszutragen hat. Gut, dass wir den Schalter jetzt wieder umgelegt haben." Brink/Reckermann haben nach London einen Schnitt gemacht. Haben sich nach Jahren von Trainer Jürgen Wagner getrennt – der gebürtige Bielefelder Stefan Hübner soll nun neue Impulse setzen. Reckermann hat sich an der Schulter operieren lassen. Brink hat geheiratet. Reckermann ist Vater geworden. "Das Leben geht weiter", sagt der angehende Gymnasiallehrer, der Anfang Februar endlich das erste Staatsexamen in Geographie machen will. Und natürlich machen sie zusammen weiter. Brink: "Es gibt wesentlich schlimmere Trainingsbedingungen für andere Sportler. Da überlegt man sich schon zehn Mal, ob man aufhört. Es gibt noch so vieles, was wir noch nicht in unser Spiel integrieren konnten." Und natürlich wissen sie noch nicht, ob ihr Gold den Beachsport in Deutschland nachhaltig verändert hat. "Das wird sich erst im nächsten Sommer zeigen", sagt Reckermann. Apropos zeigen. Das Thema Gummipuppen mit Fan-Utensilien ist noch nicht durch. "Uns ist das nicht peinlich, uns ist das egal", sagt Reckermann. Falls von den Medien gewünscht, "können wir irgendwann die Bilder zeigen". Sie gehören zur goldenen Geschichte der zwei Sandmänner von London.

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