Trendforscher Andreas Steinle.
Trendforscher Andreas Steinle.

Bielefeld Andreas Steinle: "Lieber Bielefeld als London"

Trendforscher zu Image und Vorzügen eher überschaubarer Städte

Bielefeld / Kelkheim (dpa). Ab in die Großstadt: Berlin, Hamburg und Köln sind Städte, von denen viele junge Leute träumen – weniger von Bielefeld. Dass man beim Image von Städten aber zwischen der Sicht von Touristen und Bewohnern unterscheiden muss, erklärt Trendforscher Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts im hessischen Kelkheim, im Gespräch mit Alexandra Stahl. Herr Steinle, Was braucht eine Stadt, um als cool und lebenswert zu gelten? ANDREAS STEINLE: Ein wesentlicher Faktor ist die Kultur, denn sie bringt Lebendigkeit in eine Stadt und zieht junge Menschen an. Der US-Ökonom Richard Florida hat in seinen Studien zur kreativen Klasse als den Treibern von Städten von den drei T’s gesprochen, die eine Stadt braucht: Talent, Technologie und Toleranz. Eine für junge Menschen interessante Stadt braucht ein reichhaltiges Bildungsangebot in Form von Arbeitsplätzen und Universitäten sowie eine gute Vernetzung und Infrastruktur. Außerdem muss sie tolerant gegenüber Randgruppen, fremden Kulturen und Homosexuellen sein. Gibt es aber nicht auch verkannte Orte? Wieso haben viele Städte – zum Beispiel Bielefeld – einen eher schlechten Ruf? STEINLE: Auf jeden Fall urteilt man vorschnell. Wir sehen in den Medien jeden Tag einen Bericht über etwas, das in Berlin stattgefunden hat – und nicht in Bielefeld. Das verzerrt den Blick. Ein anderes Beispiel für eine verkannte Stadt ist Frankfurt am Main. Die Stadt hat lange keinen so guten Ruf wie sie attraktiv ist. Dabei ist sie viel mehr als nur Hochhäuser und Bankenmetropole, denn sie bietet auch charmante Viertel wie Bornheim, die beinahe dörfisch wirken. Generell muss man bei dem Image von Städten zwischen der Sicht der Touristen und der der Bewohner unterscheiden. Für den Bewohner einer Stadt zählen nicht die Dichte der angesagten Hipster-Cafés oder Galerien, sondern Dinge wie genügend Kita-Plätze, bezahlbarer Wohnraum und Natur. Was bringt es in London oder Paris zu leben, wenn ich jeden Tag zwei Stunden in eine viel zu teure Innenstadt pendeln muss? Dann lieber Bielefeld als London. Welche Städte werden 2013 interessant sein? STEINLE: Berlin wird weiter die Nummer Eins bleiben, denn es gibt keine vergleichbare Großstadt in Deutschland, die einen so hohen Zustrom ausländischer Gäste verzeichnet und damit ihr kulturelles Angebot ständig erneuert und erweitert. Daneben werden aber auch kleinere Städte profitieren. Naturnahe Städte werden im Trend liegen, da Leute mit steigendem Bildungsniveau weiter in die Städte ziehen werden. Der Traum von der Landlust wird bestehenbleiben: Die grüne Stadt ist die Stadt der Zukunft.

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