Kamelmilch am Frühstückstisch

Bielefelder will das "weiße Gold" aus der Wüste in Pulverform haltbar machen

Bielefeld. Die Zubereitung geht blitzschnell: ein Teil Pulver, sieben Teile Wasser, umrühren, fertig. "Kamelmilch schmeckt ein bisschen salziger, aber ansonsten - wie Milch halt", sagt Martin Wilke, stellt das Glas ab und wischt sich kurz über den Mund. Gesund soll das "weiße Gold" aus der Wüste sein, geradezu gesundheitsfördernd. Kamelmilch aber haltbar und somit für den Handel attraktiv zu machen, das ist bisher nicht gelungen. Der Bielefelder glaubt, jetzt die Lösung gefunden zu haben, und zeigt auf das gelblich-weiße Pulver in der Plastikdose vor ihm. Diese Substanz, die an grobes Mehl erinnert, ist sozusagen das Ergebnis seiner vierjährigen Suche nach einem Verfahren, Kamelmilch in Pulverform haltbar zu machen - und zwar hygienisch einwandfrei und mit allen Nährstoffen. Denn ultrahocherhitzt zur Haltbarmachung, wie bei der Kuhmilch üblich, gehen auch bei der Kamelmilch zwar Erreger zugrunde, aber ebenso Vitamine und Mineralien. Bis Kamelmilch in deutschen Supermärkten vielleicht einmal angeboten wird, ist es also noch ein langer Weg. Martin Wilke will ihn gehen und wähnt sich in seinem Element. Denn der aus dem Großraum Magdeburg stammende Bielefelder tüftelt nicht zum ersten Mal an einem chemischen Verfahren, das er zur Marktreife gebracht hat.Forscherdrang setzt sich durch Gemeinsam mit seiner Frau Ivett Wilke hat er ein Patent auf ein Verfahren vorzuweisen, mit dem Eipulver für die Lebensmittelindustrie hergestellt wird. Und zwar durch eine Zerstäubungstrocknung, eine sogenannte molekulare Dispersion. Von diesem Verfahren hat durch Zufall eine Frau aus Frankfurt erfahren "und mich in Bielefeld angerufen", sagt Wilke. Ob er nicht auch Kamelmilchpulver herstellen könne, fragte die Anruferin. Wilke war anfangs überrascht, sein Forscherdrang setzte sich aber schnell durch. Seit dem Anruf hat er viel recherchiert, ausprobiert, ist mit frischer Kamelmilch von einem Kamelhof in Holland nach Kopenhagen (Dänemark) gefahren, um in einem Labor unterschiedliche Verfahren zu testen. Am Ende brachte, wie bei der Eipulver-Herstellung, eine Zerstäubungstrocknung den Erfolg. Der Ansatz, mit diesem Verfahren Kamelmilchpulver herzustellen, war nicht neu. "Neu war aber, Milch in einer Anlage aus der Pharmaindustrie zu trocknen und nicht mit den üblichen Geräten zur Ultrahocherhitzung von Kuhmilch", sagt Wilke. Der Unterschied: Die vom Bielefelder benutzte Anlage zerstäubt die Milch viel schneller, mit 22.000 Umdrehungen die Minute, und dadurch schonender. "Erreger werden abgetötet, und die Nährstoffe bleiben erhalten", ist sich Wilke sicher. Was gänzlich Neues habe er also nicht erfunden, aber die richtige Kombination entdeckt. Nun will der 44-Jährige die Märkte der Welt mit Kamelmilchpulver versorgen. Dabei fängt er klein an. Er hat eine Projektstudie angefertigt, mit der geklärt werden soll, ob sich seine Pläne "betriebswirtschaftlich lohnen". Diese sehen unter anderem Kamelfarmen in Deutschland vor. Kontakte nach Dubai und Marokko hat er schon geknüpft. "Möglich wäre das", sagt Markus Hinker, Tierpfleger im Tierpark Olderdissen, "Kamele können in unseren Breitengraden durchaus leben." Das bestätigt Tierärztin und Kamelexpertin Barbara Münchau aus Rottenburg am Neckar. "In Deutschland gibt es mehrere Höfe, wo auch Kamele gemolken werden." Sie sei aber skeptisch, ob bei der industriellen Verarbeitung der Milch im großen Stil eine artgerechte Haltung zu gewährleisten sei. Ist Kamelmilch wirklich so gesund? Durchaus, so informieren Institute wie die UNO-Welternährungs-Organisation (FAO). Kamelmilch habe dreimal so viel Vitamin C wie Kuhmilch, sie enthalte viel Eisen und Vitamin B und sei auch für Diabetiker und Allergiker geeignet. Und sie hat unter allen Milcharten die größte Ähnlichkeit mit menschlicher Muttermilch. Doris Gräfe von der Verbraucherzentrale NRW weist aber darauf hin, dass auch ein dreifacher Vitamin-C-Gehalt gegenüber der Kuhmilch relativ wenig Bedeutung habe, denn "in Kuhmilch ist kaum Vitamin C enthalten".

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