Beschlagnahmte Tonträger mit rechtsradikalen Liedern. - © THEMENFOTO: DPA
Beschlagnahmte Tonträger mit rechtsradikalen Liedern. | © THEMENFOTO: DPA

PADERBORN Wie Rechtsextreme im Raum Paderborn vorgehen

Flyer, Aufkleber CD's: Auch Schüler werden angeworben

Paderborn. Rechtsextremistische Flyer, gesprayte Parolen und Aufkleber sind in Paderborn seit mehreren Jahren keine Seltenheit mehr. "Ach, das ist von einer rechten Gruppierung?", ging ein erstauntes Murmeln durch die Caféte der Kulturwerkstatt. Dort hieß das Vortragsthema "Rechte Strukturen in Paderborn". Viele der gezeigten Werbematerialien waren den Zuhörern aus dem Stadtbild bekannt, wurden nur bisher nicht als rechte Propaganda wahrgenommen. Referent Ivan Kundera zeigt ein Bild: "Dieser Flyer lag zum Beispiel bei McDonalds aus, ohne das die Mitarbeiter wirklich wussten, was er eigentlich bedeutet." Der Flyer zielte besonders auf Jugendliche ab. Kundera arbeitet im Infoladen des Bundes Deutscher Pfadfinder an der Leostraße mit, der zu diesem Vortrag eingeladen hatte. In einer Fortbildung des Bildungswerkes des Deutschen Gewerkschaftsbundes absolviert Kundera gerade eine Fortbildung zur "Fachkraft Rechtsextremismus-Prävention". Das eher subtile Werbematerial der rechten Szene, häufig aufgeklebt auf Straßenlaternen und an Ampelmasten in der Innenstadt, steht im Gegensatz zu den weit mutigeren Aussagen, wenn es um Fußball geht. "Bei einem Auswärtsspiel des SC Paderborn grölten hinten im Fan-Bus die ,Domstädter’ Parolen wie "SS, SA, Paderborn ist da!", schilderte Kundera. Die Hooligan-Gruppe "Domstädter Paderborn" hatte er in seiner Bildpräsentation grau unterlegt, "da nicht alle Mitglieder rechts sind", wie er den rund 30 Zuhörern erläuterte. "Die Mitglieder sind politisch gemischt vom rechts angehauchten Hooligan bis zum aktiven Neonazi." Die Gruppe sei für rassistische, antisemitische und nationalistische Äußerungen bekannt. Ein besonderes Indiz sei auch die Kleidung. "Wenn jemand die Marke ,Thor Steinar’ trägt, können Sie sich zu 99 Prozent sicher sein, dass derjenige politisch rechts orientiert ist."Gedankengut könne Fan-Szene unterwandern Von den "Domstädtern" gibt es Fotos von rechtsradikalen Demonstrationen, auf denen sie mit Pullover ihrer Gruppierung auftreten und Banner mit rassistischen Inhalten tragen. "Dem SC Paderborn sind diese Probleme bekannt, aber ein konsequentes Vorgehen des Vereins gibt es bisher noch nicht", beklagte Ivan Kundera, der selbst bekennender SCP-Fan ist. Er warnte: "Solches Gedankengut kann sehr schnell die Fan-Szene unterwandern." Da der SC Paderborn bisher nichts unternehme, gibt es laut Kundera Fans, die selbst aktiv werden und sich wehren. So seien die "Domstädter" inzwischen häufig von Busfahrten zu Auswärtsspielen ausgeschlossen. "Es ist wichtig, dass die Fans, aber auch der Verein und die Sicherheitskräfte für das Thema sensibilisiert werden." Doch da ist nicht nur die Fußballszene. Der Referent verwies auf ein in Schloß Neuhaus ansässiges rechtsradikales Online-Radio, das mit einem Internet-Handel gekoppelt ist. Dieser führe nicht weniger als 605 Artikeln im Sortiment. Das Radio, das über eine Rufnummer mit Schloß Neuhäuser Vorwahl auch per Telefon gehört werden kann und sich selbst "heimat- und volksverbunden" nennt, ist laut Kundera ideologisch der extremen Rechten zuzuordnen. Zu erkennen etwa an Interviews, die mit Funktionären und Politikern der NPD geführt werden."Arier. Nicht sauber, sondern rein" Der Besitzer des Radios, der in Schloß Neuhaus lebt, hat sich nach Angaben des Referenten im Forum seiner Internetseite ein spezielles Profilbild zugelegt. Es zeigt einen Soldaten des zweiten Weltkrieges mit der Aufschrift "Arier. Nicht sauber, sondern rein." Sein Versandhandel bietet nach Angaben Kunderas Musik von Bands, die bereits mit dem Verfassungsschutz und der Polizei in Konflikt geraten sind. Nicht nur Paderborn, auch Städte und Kreise haben mit dem Neonaziproblem zu kämpfen. So seien sogenannte Freie Kameradschaften (FK) und Autonome Nationalisten (AN) auch in Salzkotten und Höxter aktiv. Die "Freie Kameradschaft Höxter", früher als "Sturm Höxter" bekannt, zähle zu den aktivsten Gruppierungen im Umland, führte Kundera aus. "Sie organisieren Grillabende, Parties und Konzerte." Von einem solchen Grillabend zeigte Kundera Fotos, die nur für kurze Zeit im Internet aufgetaucht waren. Zu sehen sind darauf Tätowierungen von Hakenkreuzen oder Pullover, auf denen ein Lorbeerkranz mit der Zahl 88 zu sehen ist. "Die Acht symbolisiert den Buchstaben H. Hier sind also die Buchstaben HH gemeint, als Abkürzung für "Heil Hitler", erklärte Kundera die Symbolik.Gewaltbereitschaft und Schülerwerbung Kleinere Ortsgruppen hätten sich vor ein paar Jahren zu dem größeren Verband "Westfalen-Nord" zusammen geschlossen. Kundera: "Die aktiven Mitglieder kommen alle aus der Region, also aus Paderborn, Höxter, Gütersloh, Schloß Holte, Bielefeld, Detmold, Minden, Hameln und Schaumburg". Neben der Gewaltbereitschaft der Gruppe sei aber das Gefährlichste die Schüleranwerbung. "Der Verband erstellt unter Anderem auch Schulhof-CD’s." Diese Information sorgte vor allem bei anwesenden Eltern und Lehramtsstudenten für Unruhe. Am Donnerstag findet ab 18 Uhr eine Nachbetrachtung des Vortrags im Infoladen an der Leostraße 75 in Paderborn statt. Interessierte sind eingeladen, weiter über das Thema zu diskutieren.

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