Zu pleite für die Pille

Beratungsstellen alarmiert über Zunahme ungewollter Schwangerschaften bei Hartz-IV-Empfängerinnen

Bielefeld. Die Erfahrung, dass am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist, gehört für die meisten Hartz-IV-Empfänger zum Alltag. Dann wird das Essen von der Tafel geholt und alle anderen Ausgaben eingefroren - immer häufiger auch die für Verhütungsmittel. Beratungsstellen in der Region sind alarmiert über die wachsende Zahl von Frauen, die sich Pille oder Spirale nicht leisten können und deshalb ungewollt schwanger werden. Im umstrittenen neuen Regelsatz von 364 Euro sind 15,55 Euro für die "Gesundheitspflege" vorgesehen, zurzeit beträgt dieser Posten 14,36 Euro. Da Hartz-IV-Empfänger nicht von der Praxisgebühr befreit sind, macht das bei zehn Euro im Quartal 3,33 Euro pro Monat. Bleiben rund elf Euro für Medikamente, Rezeptgebühren, therapeutische Mittel und Geräte - und für die Verhütung.Risiko einer ungewollten Schwangerschaft steigt je nach Wohnort Wie unrealistisch dieser Satz in der Praxis ist, erleben die Beraterinnen von Pro familia auch in Ostwestfalen-Lippe. Zwar gibt es in den Kreisen und Kommunen fast überall Sozialfonds für die Familienplanung, allerdings mit sehr unterschiedlicher finanzieller Ausstattung. Bei näherer Betrachtung steigt das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft für Hartz-IV-Empfängerinnen also je nach Wohnort. "In Bielefeld wurde der Etat von 10.000 auf 20.000 Euro erhöht - und trotzdem war der Topf schon im Juli aufgebraucht", berichtet Pro-familia-Ärztin Anja vom Orde. "Wir versuchen trotzdem, die Betroffenen bis ins neue Jahr mit der Pille oder mit Kondomen zu versorgen." Die Ärztin weiß um die katastrophalen Folgen für die Frauen, die die Pille nehmen, wenn das Geld dafür im Monat reicht und sie absetzen, sobald sie pleite sind. "Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Hartz-IV-Empfängerinnen schwanger werden, weil sie sich Verhütung nicht mehr leisten können." Auch in Bünde, wo der Kreis Herford einen Kostenbeitrag als freiwillige Leistung bereit stellt, sei der Topf meist schon nach zwei Monaten leer, klagen die Beraterinnen vor Ort. Anders in Gütersloh und im Kreis Lippe, wo man andere Lösungen gefunden hat. "Durch den Sozialfonds soll erreicht werden, dass Alleinerziehende oder Familien nicht durch ungewollte Schwangerschaften finanziell oder auch persönlich überfordert werden", begründet Landrat Friedel Heuwinkel den im Vergleich zu anderen Kreisen sehr üppigen Leistungskatalog. Dort werden 75 Prozent der Kosten für Verhütungsmittel übernommen, auch für Langzeitverhütungsmittel wie die Spirale.9,5 Millionen pro Jahr für Abtreibungen Weil viele OWL-Kommunen mittlerweile genauso pleite sind wie die betroffenen Frauen, ist ein solches Engagement nicht selbstverständlich. Umso mehr beklagt Pro familia diesen "Flickenteppich an Regelungen": Laut Umfrage bekommen nur ein Drittel der 180 Beratungsstellen in Deutschland Zuschüsse für die Verhütungskosten. Wie kurzsichtig das ist, zeigt eine Zahl, die die NRW-Familienministerin Ute Schäfer im WDR-Magazin "frauTV" nannte: 9,5 Millionen Euro gebe das Land pro Jahr für Abtreibungen bedürftiger Frauen aus. Das finden auch die Schwangerschaftskonfliktberaterinnen absurd. "Bei dem Geld handelt es sich jedoch um eine gesetzliche Leistung, die kann man nicht für andere Zwecke verwenden", sagt Schäfer. "Aber in der Sache stimme ich vollkommen zu: Es ist unendlich viel humaner und sinnvoller, mit öffentlichen Geldern ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden als Schwangerschaftsabbrüche zu finanzieren." Die Stadt Berlin könnte da ein Vorbild werden. Hier bekommen Hartz-IV-Empfängerinnen Pille und Kondome direkt im Gesundheitszentrum. Kostenpunkt: 2,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Hoffnungen auf eine große politische Lösung hat Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) jedoch bereits im Februar zerschlagen. Damals antwortete sie dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, dass sie die allgemeine Bewertung, dass Bezieherinnen von Arbeitslosengeld II häufiger ungewollt schwanger werden, weil sie sich die Finanzierung von Verhütungsmitteln aus dem Regelsatz nicht leisten könnten, nicht teilen könne. Sie halte die Pauschale für hoch genug, zudem sei es den Betroffenen zuzumuten, "einen höheren Bedarf in einem Lebensbereich durch geringe Ausgaben in einem anderen auszugleichen".

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