GÜTERSLOH Streitfall Schlachthof

Verbraucher verlangen billiges Fleisch, aber die Produktion will niemand in der Nachbarschaft haben

Gütersloh/Weißenfels. Für viele Menschen muss Fleisch mindestens drei Voraussetzungen erfüllen: Es soll frisch, billig und viel sein. Wie das Schnitzel in die Packung kommt, wollen die meisten lieber nicht wissen – und erst recht nicht sehen, hören oder riechen. Für den Fleischkonzern Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück ist dieses Problem so alt wie die Massenfleischproduktion. Im Kreis Gütersloh wehren sich jetzt Anwohner gegen den Ausbau eines Rinderschlachthofs. Wie schwierig das werden könnte, zeigt ein Blick nach Sachsen-Anhalt, wo Tönnies seit der Wende eine Schlachtfabrik betreibt. 850 Bürgerinnen und Bürger protestieren im ostwestfälischen Avenvedde gegen den von Tönnies geplanten Ausbau des Rinderschlachthofs in ihrer Nachbarschaft. Die Schlachtkapazität soll von 50 auf 120 Tonnen pro Tag mehr als verdoppelt werden – dabei stinkt es den Anwohnern schon jetzt. Sie fürchten nicht nur den Verlust von Lebensqualität, sondern auch eine Wertminderung ihres Eigentums, wenn die Ausweitung der Kapazität auf das Sechsfache seit Inbetriebnahme des Schlachthofs 1976 genehmigt wird. Weil sie die Lärm- und Geruchsbelästigung schon jetzt unerträglich finden, haben sie Unterschriften gesammelt und sie dem Landrat übergeben. 350 Kilometer Richtung Osten sitzt Nicole Reppin in ihrer Küche, die zugleich Zentrale der Bürgerinitiative "Pro Weißenfels" ist. Kurz nach der Wende hatte Tönnies den Schlachthof in dem gut 33.000 Einwohner zählenden Städtchen an der Saale übernommen. Geschlachtet werden Schweine, und zwar viele. Waren es 1991 noch 4.000 Tiere am Tag, sind es heute bereits 15.000, Tendenz steigend. Tönnies würde den Schlachthof gerne ausbauen, um die Kapazität auf 20.000 Tiere täglich zu steigern. Viele Anwohner wollen das nicht.Sie nennen es die "Kathedrale des Todes" Seit vier Jahren kämpft die Bürgerinitiative von Nicole Reppin gegen die sukzessive Erweiterung des Tönnies-Schlachthofs, der hier in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Wohngebiet in der Neustadt liegt und von den Menschen hier "Kathedrale des Todes" genannt wird – eine Anspielung auf die Farbe Weiß, in der die riesige Halle gehalten ist. Wenn die Anwohner im Sommer auf ihren Terrassen sitzen, haben sie den Schlachtbetrieb direkt vor der Nase. Den gibt es hier zwar schon seit 1892, aber eben nicht in der Größe. "Irgendwann ist mal Schluss. Der Schlachthof wird zu einem Krebsgeschwür für die Region!" Nicole Reppin beobachtet die gesamte Massenfleischproduktion in Sachsen-Anhalt mit wachsender Sorge: Während in den alten Bundesländern ein Mastbetrieb für 5.000 Schweine schon groß ist, sind im Osten Mega-Anlagen für bis zu 100.000 Tiere in Planung. In einem Betrieb in Sandbeiendorf (Sachsen-Anhalt) werden schon jetzt 65.000 Schweine gemästet, bevor sie zur Schlachtbank geführt werden. Im Rechtsstreit zwischen Bürgerinitiative und Tönnies geht es um Genehmigungen, Immissionsschutz und Kläranlagenkapazitäten. Geklagt wird seit Jahren, geändert hat sich bis heute nichts. Nach vielen Fehlschlägen haben die Weißenfelser Bürger Ende August mit Unterstützung des BUND und des Berliner Anwalts Phillip Heinz den ersten nennenswerten Erfolg erstritten. "Das Verwaltungsgericht Halle hat die vor fünf Jahren von der Stadt erteilte Baugenehmigung für die umstrittene Versand- und Zerlegehalle aufgehoben", sagt Heinz. Der Grund: Die Belastungen durch den erhöten Lkw-Verkehr seien bislang weder von der Stadt Weißenfels noch von Tönnies geprüft worden, unter diesen Bedingungen hätte die Zerlegehalle nicht genehmigt werden dürfen. "Damit fehlt Tönnies nun eine zentrale Genehmigung für die Nutzung des Schlacht- und Zerlegekomplexes." Das Urteil sei zwar noch nicht bestandskräftig, aber für den Anwalt ist klar: "Der Schlachtbetrieb muss eigentlich sofort eingestellt werden."Jeder hat eine eigene Schmerzgrenze Was die Bürgerinitiative als Erfolg feiert, kann Tönnies-Sprecher Markus Eicher nicht nachvollziehen. "Die Genehmigung wurde nur von der falschen Stelle erteilt. Wir haben alle Messungen durchgeführt und die Lärmschutzauflagen erfüllt." Derzeit werde geprüft, Widerspruch gegen das Urteil einzulegen. "Es ist ein diffiziles Thema, dessen sind wir uns bewusst. Jeder hat da eine andere Schmerzgrenze", sagt Eicher. Und: "Wir versuchen, den Weg mit den Bürgern gemeinsam zu gehen."

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