LEMGO Promillerechner fürs Handy

Zwei Lemgoer entwickeln ein Programm fürs iPhone, mit dem man seine Fahrtüchtigkeit überprüfen kann

Lemgo. Wer am Ende eines Abends in der Stammkneipe oder in der angesagten Cocktailbar hilflos rätselt, ob zu viele Promille die eigene Fahrt mit dem Fahrrad oder Auto zu einem Wagnis werden lassen, hat wahrscheinlich kein iPhone. Oder zumindest nicht die richtige "App". Marius Hellmeier besitzt beides, hat aber vor allem Ideen. Der 20-jährige Auszubildende zum Mediengestalter hat gemeinsam mit einem Schulfreund eine Application (übersetzt: "Anwendung", kurz App) entwickelt, mit der das iPhone die Promillekonzentration errechnen kann. "Das ist uns abends in der Kneipe eingefallen", erinnert er sich. Es war eine Bierlaune, die sich zu einer ausgedehnten Freizeitbeschäftigung entwickelte. Über Monate verbrachten die Freunde die Wochenenden zusammen und tüftelten und schrieben an dem Programm. Ein Kinderspiel ist das nicht. Hellmeier hat die Grundlagen im Informatikunterricht der zehnten und elften Klasse erlernt. Mitte des zwölften Schuljahrs hat er dann begonnen, die ersten kleinen Programme zu schreiben, jedoch noch nicht für das von Apple entwickelte Smartphone. "Ich habe viele Sachen versucht und herumprogrammiert", sagt er. Was man dafür braucht, bringt er mit: Ahnung von Mathematik und logisches Denken. Und Ideen eben.Bei drei Gläsern Wein: Fahruntüchtigkeit Nachdem die Überlegung zum Promillerechner geboren war, konnten sich die beiden Tüftler nicht einfach hinsetzen und ein Programm schreiben. "Die Trial-and-Error-Methode findet zwar auch Anwendung, ist aber nicht effizient", erklärt Hellmeier. Selten sei die erste Lösung des Problems auch die beste. "Zuerst nimmt man sich Stift und Papier und malt sich auf, wie der zukünftige Nutzer das Programm verwenden würde." Den Code, den das Programm benötigt, um zu funktionieren, schrieben die beiden Freunde selbst. Ohne Hilfe. "Ungefähr 1.000 bis 1.500 Zeilen Codes hat unser Programm - damit ist es eins von den aufwendigeren." Kein Wunder, denn das Programm berücksichtigt zahlreiche Variablen. Wer seine Promillezahl ausrechnen lassen will, muss zunächst Geschlecht und Alter eingeben - und jedes Getränk im Handy vermerken. Das Programm schätzt dann, wie viel Promille der Benutzer im Blut hat - und meldet nach drei Gläsern Wein prompt 1,4 Promille: Fahruntüchtigkeit. Die Formel, die der Rechner nutzt, entspreche zu 99 Prozent dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet. Trotzdem stellt Hellmeier klar: "Hundertprozentige Sicherheit gibt unser Programm nicht, weil jeder Mensch den Alkohol anders abbaut. Aber es ist ein Wert, an dem man sich orientieren kann." Mittlerweile ist die vierte Aktualisierung des Programms erhältlich. Für 79 Cent ist es im AppStore, der Download-Homepage für Applikationen des Apple-Konzerns, zu haben. Wie viele sich das Programm schon heruntergeladen haben, lässt sich nicht exakt herausfinden. Immerhin taucht es unter den "Top 50" der meistgeladenen Programme in der Kategorie "Lifestyle" auf.Ein neues Programm ist in Planung 37 Nutzer haben das Programm online bewertet - überwiegend gut. "Was wir von den Leuten als Kritik oder Anregung bekommen, arbeiten wir in die Updates ein. Deshalb wird das Programm bald mehrere Personen verwalten können." Perfekt für den Junggesellenabschied. Vermarktet wird das Programm über die Firma von Marius’ Vater Rolf Hellmeier, Fotodesigner und auch Ausbilder seines Sohnes. Der ist richtig stolz auf seinen eifrigen Sohn. "Der macht das doch ganz ordentlich", sagt Rolf Hellmeier und lacht. Die Neigung seines Sohnes erklärt er sich damit, dass er eben ein Computerkind sei. "Wir haben ihn nie daran gehindert, den Computer zu nutzen." Das jedenfalls war in diesem Fall wohl die richtige Haltung. Marius Hellmeier arbeitet an weiteren Versionen für den Promillerechner und plant schon ein ganz neues Programm, über das er aber noch nichts verraten will. Nur so viel: "Man hat einfach mehr Ideen, als man auf einmal umsetzen kann."Und wie sauer ist deine Freundin? Auch die Handy-Anwendung eines zweiten findigen Tüftlers aus der Region entstand aus einer Laune: "Nachdem meine Freundin mein iPhone im Streit an die Decke geworfen hatte, habe ich mit meinen Brüdern herumgeblödelt, ob es nicht eine App gibt, die erkennen kann, wie sauer meine Freundin ist", erzählt Frank Scheller. Nein, die gab es nicht. Aber weil seine Brüder Programmierer sind, schrieben sie kurzerhand eine solche App. Für eine Frequenzanalyse wurden die Stimmen von 70 Frauen aus dem Bekanntenkreis ausgewertet. Auch die seiner Freundin: "Die nimmt das mit Humor." Und das, obwohl die Comic-Frau, die auf dem iPhone-Bildschirm zu sehen ist, seiner Freundin nachempfunden ist. "Ich wollte da ein Blondchen haben", gibt der 32-Jährige zu, der als Software-Tester und Gag-Schreiber arbeitet. Wer bei einem Streit wissen wolle, wie sauer die Freundin ist, müsse der Wütenden das iPhone aus drei Ohrfeigenlängen entgegenhalten und das Programm aktivieren. Fünf Sekunden lang misst das Gerät die Frequenz und Lautstärke des Gegenübers. Und soll dann ein Ergebnis auswerfen. Im Selbsttest in der Redaktion gab das Programm zwar widersprüchliche Auskünfte, vielleicht aber erkennt das Programm sogar, wenn sich nur Redaktionskollegen streiten und keine Partner. Scheller jedenfalls ist von seinem Programm überzeugt und plant im Sinne der Gleichberechtigung bereits das Gegenstück für wütende Freunde.

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