BIELEFELD Fit im Dreivierteltakt

Tanzen – wie Walzer, Foxtrott und Boogie den ganzen Körper trainieren

Bielefeld. Mein letzter Tanzkurs ist etwa 15 Jahre her. Dass Tanzen auch Sport bedeutet, ist mir davon nicht in Erinnerung geblieben – wohl aber dass es Spaß macht und auf diversen Festivitäten den einen oder anderen Tanz mit einer Dame meiner Wahl ermöglicht hat. Meine Tanzlehrerin aber zeigt mir, dass man auch ins Schwitzen kommen kann. Eigentlich war ich der Überzeugung, ich hätte die Schritte noch im Kopf. Doch schon der erste Tanz ist mir absolut unbekannt. "Wir tanzen Disco-Samba", kündigt Tanzlehrerin Jennifer Stüben, Geschäftsführerin der Tanzschule Fricke in Bielefeld, an. Ich runzle die Stirn, weil ich von diesem Tanz nie etwas gehört habe. Samba: klar. Disco-Fox? Auch bekannt. Aber Disco-Samba? Ratlos schaue ich zu meiner Tanzpartnerin. Elisa Mader, für einen Zwei-Meter-Mann angenehme 1,78 Meter groß, beruhigt mich. Sie kennt die Schritte. Nicht umsonst hat Jenny – beim Tanzen ist jeder sofort beim Du – mir Elisa als Partnerin ausgesucht. Nicht nur die Größe passt, sondern ich habe auch eine Frau an meiner Seite, die mir die unbekannten Schritte zeigt, wenn Jenny sich auf die anderen acht Paare konzentrieren muss.Traditionelles wird bewahrt Die Disco-Samba stellt sich im Grundschritt als einfach heraus: immer von einem Fuß auf den anderen. Nicht besonders anstrengend. Und schon beim nächsten Tanz fühle ich mich auf sicherem Gebiet: der langsame Walzer. Wie viele Hochzeitspaare schlurfen in diesem Tanzschritt über das Parkett, weil sie den Wiener Walzer nicht beherrschen? Oder damit die Oma auch mal tanzen darf?  Jenny zeigt uns in der Mitte des Tanzsaals die Schritte. "Die Herren sind immer die Organisierer", erklärt Jenny, während sie die Vierecke eines Quadrats abtanzt. Die Männer lächeln vor sich hin. Musik schallt aus den Lautsprechern, die Discokugel wirft kleine Lichter aufs Parkett, auf dem ich mit Elisa dahingleite. Wir kommen ins Gespräch und werden nur dann und wann unterbrochen, weil ich beim Damensolo meine Schrittfolge vergesse oder wir tanzend in ein anderes Paar prallen. Elisa tanzt seit ihrem 14. Lebensjahr. Begonnen hat alles wie bei den meisten mit dem klassischen Tanzkurs, den man mit Freunden besucht. Weil das alle machen. "Das ist auch heute noch so, das Traditionelle wird bewahrt", erklärt mir Jenny später. Zum sogenannten Tanzschuljahr gehören aber nicht nur der Abschlussball, auf den alle hinarbeiten, sondern auch zum Beispiel Umgangsformenseminare. "Wer das Jahr mitgemacht hat, bekommt ein Tanzzertifikat, das sich auch bei einer Berufsbewerbung gut macht", sagt sie. Elisa hat auch ein solches Zertifikat. Ob sie es ihrer Bewerbungsmappe beilegen wird, wenn sie ihr erstes Staatsexamen gemacht hat, weiß sie noch nicht. Elisa will Lehrerin werden. Sofort ist mir einiges klar.Ehrgeizige machen ein Tanzabzeichen Zum Foxtrott treffen sich die Paare im Kreis, mit Jenny in der Mitte. "Lasst den Rhythmus auf euch wirken", empfiehlt sie und macht uns den Schritt vor. Im Kreis machen wir die Schritte nach. Manche noch steif oder verlegen, andere mit einer wahren Inbrunst und Leichtigkeit. Ich irgendwo dazwischen. Wir grooven uns ein. Lässig. Wer besonders ehrgeizig ist, macht ein Tanzabzeichen, das es in mehreren Stufen gibt. "Aber viele wollen auch einfach nur Spaß haben beim Tanzen", erklärt mir Jenny, die tanzt, seitdem sie 16 ist. Und es mache nicht nur Spaß, sondern halte, fast nebenbei, den Körper fit. "Das Herzkreislaufsystem wird angeregt, aber nicht überbelastet – das schult die Kondition", erklärt sie weiter. Wissenschaftlich erwiesen sei, dass Tanzen auch Demenzerkrankungen vorzubeugen hilft und damit nicht nur den ganzen Körper, sondern auch den Geist trainiert. In einer aktuellen Studie an der Ruhr-Universität Bochum haben Neurowissenschaftler bei Parkinson- und Alzheimer-Patienten herausgefunden, dass Tanzen nicht nur deren Reaktionszeit, sondern auch die Feinmotorik verbessert. Die Wissenschaftler untersuchten die Teilnehmer eines Tanzkurses und verglichen, wie gesund sie vor und nach dem Kurs waren. "Tanzen hält fit – möglicherweise sogar mehr als andere sportliche Aktivitäten", so das Fazit der Wissenschaftler. Zugegeben, nachdem ich noch Discofox, Boogie und Jive getanzt habe, bin ich sogar etwas ins Schwitzen gekommen. Das war kein Höchstleistungssport, dafür aber einer, der unglaublich viel Spaß gemacht hat. Viel besser jedenfalls als ödes Durch-die-Gegend-Hecheln oder krampfiges Stemmen von Gewichten. Ja, fürwahr, ich denke über einen Anfängerkurs nach.

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