Ahmadullah Rahmani aus Bielefeld pflegt enge Kontakte zu Menschen seines Herkunftslandes Afghanistan. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Ahmadullah Rahmani aus Bielefeld pflegt enge Kontakte zu Menschen seines Herkunftslandes Afghanistan. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

BIELEFELD "Extremisten ignorieren Terrorverbot im Koran"

Der Bielefelder Buchautor Ahmadullah Rahmani über den Islam und gemäßigte Taliban

In Kandahar geboren, in Heidelberg studiert, in der deutschen Botschaft in Kabul gearbeitet, vor den Sowjets geflüchtet, mit einem ehemaligen Taliban befreundet: Ahmadullah Rahmani (62) blickt auf eine spannende eigene Lebensgeschichte zurück, die eng mit seinem Heimatland Afghanistan verknüpft ist. Der Hochschuldozent aus Bielefeld hat drei Bücher geschrieben, die sich mit dem Krieg am Hindukusch, mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo und vor allem dem Islam auseinandersetzen. Mit Rahmani sprach Ansgar Mönter. Herr Rahmani, eines Ihrer beiden neuen Bücher heißt "Koran, Kalifen und Kalaschnikow". Ist das eine kritischen Analyse Ihrer eigenen Religion? AHMADULLAH RAHMANI: Es ist ein islamkritisches Buch, obwohl – oder gerade weil – ich selbst Moslem bin. Ich beschreibe darin die islamischen Ursprünge. Ich habe mich auch viel mit den anderen Weltreligionen auseinandergesetzt, aber ein Aggressionspotenzial wie im Islam habe ich nirgendwo gefunden. Ich beschäftige mich damit, weil ich sehe, welche Kräfte mein Heimatland ruiniert haben. Sie schlagen den Bogen vom Leben des Propheten Mohammed zu den Taliban? RAHMANI: In dem Buch geht es unter anderem um die kriegerische und räuberische Einstellung Mohammeds. Aber: Es waren andere Zeiten mit anderen Voraussetzungen und Methoden. Damals gab es gewisse Notwendigkeiten, um in der Wüste überleben zu können. Man musste, um es salopp zu sagen, zunächst die Leute ausrauben, die Beute dann an seine Leute verteilen, damit sie für einen kämpfen. Der Islam ist so mit dem Schwert gewachsen. Das hört sich martialisch an. Dieser kriegerische Geist lebt im Islam bis heute?RAHMANI: Die Extremisten berufen sich darauf, auch weil sie diesen Teil der Geschichte Mohammeds im Koran wiederfinden. Sie ignorieren dabei aber völlig die guten Seiten des Korans und die Tatsache, dass es heute, 1.400 Jahre später, ganz andere Möglichkeiten und Gesellschaften gibt. Sie rechtfertigen Terror und Selbstmordattentate, obwohl diese im Islam eine absolute Sünde sind. Sie selbst kennen Menschen, die radikale Islamisten geworden sind. Davon handelt Ihr zweites neues Buch "Mein Freund, Häftling in Guantanamo". RAHMANI: Ja. Darin geht es um einen alten Schulfreund von mir aus Kandahar, einer Hochburg der Taliban. Er ist Taliban geworden, hat für deren Regierung gearbeitet und ist nach 2001 von der Amerikanern festgenommen und nach Guantanamo gebracht worden. Ich erzähle seine Geschichte. Wo ist dieser Freund heute? RAHMANI: Irgendwann haben die Amerikaner festgestellt, dass er sich nichts hat zuschulden kommen lassen, und ihn freigelassen. Zuletzt lebte er in Kabul. Aber seit sechs Monaten kann ich ihn nicht mehr erreichen. Er ist wohl untergetaucht, weil er Angst hat, wieder in die Hände der Amerikaner zu fallen wegen seiner Vergangenheit. Sie selbst waren vor zwei Jahren in Kabul. Wie schätzen Sie die Situation dort ein? RAHMANI: Ich war nur zwei Wochen dort, dann bin ich schnell wieder weg. Meine Generation gab es dort nicht mehr, alle waren geflohen, auch das Kabul, in dem ich bis 1979 gelebt habe, existierte nicht mehr. Und ich habe festgestellt, dass ich als Afghane, der seit 30 Jahren in Europa lebt, dort nicht mehr willkommen bin. Dennoch halten Sie Kontakt zu Verwandten und Freunden in Kabul und Kandahar. Was denken die Afghanen über die Präsenz der ausländischen Truppen? RAHMANI: Sie sind einerseits froh, das die ISAF-Truppen da sind, weil sie gebraucht werden, anderseits gibt es die Meinung, sie sollen gehen, weil dann endlich Ruhe herrscht im Land. Die Menschen sehnen sich nach Stabilität und Frieden. Wie kann dieses Ziel erreicht werden? RAHMANI: Klar ist: Einen militärischen Sieg wird es nie geben. Die Mentalität der Paschtunen, die 60 Prozent der Bevölkerung stellen, ist so, dass sie nie Eindringlinge von außen dauerhaft akzeptieren werden. Sie sind sehr stolz. Vor allem gegen die Amerikaner und Engländer werden sie immer kämpfen. Das hat geschichtliche Gründe. Frieden gibt es nur, wenn man die gemäßigten Taliban an den Verhandlungstisch bringt und sie am politischen Prozess beteiligt, obwohl das nicht einfach werden wird, weil sie auf die Einführung der Scharia pochen. Gemäßigte Taliban, ist das nicht eine Wunschvorstellung? RAHMANI: Nein. Es gibt sie. Das weiß ich von meinem ehemaligen Schulkameraden, der in Guantanamo saß. Die Europäer und Amerikaner müssen die Unterstützer der Taliban dazu bringen, dass sie sich für diesen Weg starkmachen bei den gemäßigten Taliban. Wer sind denn nach Ihren Erkenntnissen die Unterstützer der Taliban? RAHMANI: Pakistan, der US-Erzfeind Iran, Russland über die GUS-Staaten Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan und Saudi-Arabien mit seinem wahhabitischen Islam als das ideologisches Zentrum für die Taliban. Sie alle haben ein großes Interesse daran, dass der amerikanische Einfluss in der Region eingedämmt wird. Und Pakistan hat zudem Angst vor dem indischen Einfluss in Afghanistan. Wie bewerten Sie als gebürtiger Afghane mit Lebensmittelpunkt in Deutschland den deutschen Einsatz im Land? RAHMANI: Die Deutschen haben einen guten Ruf. Die Geschichte hat immer wieder bewiesen, dass sie in Afghanistan stets als Helfer und nicht als Kriegs- oder Besatzungsmacht angesehen wurden. Es ist anders als bei den Engländern, die dreimal versucht haben, dass Land zu kolonisieren. Fatal ist, dass die Deutschen dieses Mal – nicht so wie früher – in Uniform und Panzerfahrzeugen statt in Zivil gekommen sind. Dieses Erscheinungsbild nutzen die Taliban aus und versuchen, sie auch als Kriegsmacht darzustellen. Weil die Deutschen beliebt sind, provozieren sie sie zu Angriffen, damit durch zivile Opfer der Rückhalt für sie schwindet. Damit haben sie durchaus Erfolg. Wo wir von Deutschland sprechen: Welche Sicht haben Sie als Moslem und Autor von Büchern über den Islam auf die Integrationsdebatte, die sich vor allem um muslimische Einwanderer dreht? RAHMANI: Hier sind wohl vor allem die Türken gemeint. Ich denke, die Integration wird klappen, auch wenn viele Religionsführer dagegen arbeiten. Mit Dialog und Toleranz auf beiden Seiten wird sie funktionieren. Die heutigen Nachkommen der ersten Einwanderer befinden sich noch in einem Zwischenstadium der Identität. Es dauert, glaube ich, aber noch zwei Generationen, bis sie wirklich gelungen ist.Der Koran als Zeitdokument Ahmadullah Rahmani, verheiratet und Vater von vier Kindern und in der Nähe von Bielefeld lebender Flüchtling aus Afghanistan, befasst sich als Buchautor mit dem Schicksal seines Landes. Rahmani analysiert die Ursachen der kriegerischen Entwicklung, kritisiert die Stammesstrukturen in Afghanistan und erklärt die Gewalttätigkeiten, die im Namen des Islams begangen werden. Der 62-jährige Dozent an der privaten Hochschule Euro-Business-College in Bielefeld spricht sich für einen freien und aufgeklärten Islam aus, der den Koran als Dokument des Wüstenlebens im 7. Jahrhundert in seinen historischen Kontext setzt, statt ihn wörtlich auszulegen. Seine Bücher erscheinen beim Verlag "Edition Die Nische" in Wadersloh.

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