Holzkreuze für die 21 Opfer der Loveparade. Der Prozess beginnt am Freitag in Düsseldorf. - © picture alliance / Bernd Thissen/dpa
Holzkreuze für die 21 Opfer der Loveparade. Der Prozess beginnt am Freitag in Düsseldorf. | © picture alliance / Bernd Thissen/dpa

Düsseldorf Loveparade-Katastrophe vor Gericht: Der Streit über die Schuld

Am Freitag beginnt der Strafprozess um die Katastrophe

Florian Pfitzner

Düsseldorf. Arno Eich sitzt in der Funkzentrale seiner Dienststelle, als er von dem Unglück hört. Es ist der 24. Juli 2010, Loveparade in Duisburg. Der Polizeibeamte regelt Einsätze in der Stadt, wundert sich am Mittag noch über die verspätete Freigabe des Festivalgeländes. Laufen doch längst Hunderte Menschen an den Straßensperren auf, einige betrunken oder sonstig aufgeputscht. Nüchtern dagegen die Nachricht der Katastrophe: „Mehrere Tote auf der Rampe". 21 Menschen sterben, mindestens 650 werden verletzt Stille in der Leitung. Wiederholung der Durchsage. Eich denkt sofort an seinen 21-jährigen Sohn, der sich schon auf die gigantische Technofeier gefreut hat. „Der Zeitpunkt passte ja genau", sagt Eich heute. Minuten der Angst. Das Mobilfunknetz überlastet, scheitern zunächst alle Anrufversuche. „Er hatte an dem Tag Frühdienst und war dann doch zu müde", erzählt Eich, „was für ein Glück!" Das gewaltige Ausmaß des Unglücks zeigt sich ab dem Nachmittag. 21 junge Menschen sterben im Gedränge zum alten Güterbahnhof einen grauenvollen Tod. Mindestens 650 tragen an der engen Rampe, dem einzigen Ein- und Ausgang zum Gelände, teils schwere Verletzungen und Traumata davon. Wie konnte das passieren? Wer trägt am Ende wofür die Schuld? Diese Fragen soll nun der Strafprozess klären, der am Freitag in Düsseldorf beginnt. Zehn Angeklagte stehen vor Gericht Gemessen an der Zahl der Beteiligten, handelt es sich um den größten Prozess der Nachkriegsgeschichte. Zehn Angeklagte müssen sich dem Verfahren stellen, vier Mitarbeiter der Veranstaltungsfirma, sechs der Stadt Duisburg. Sie sollen Fehler gemacht haben, deren Verkettung die Katastrophe auslöste. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Ob der Größe des Strafverfahrens zieht das Landgericht Duisburg in seine „Außenstelle Messe Düsseldorf" um. Die Hauptverhandlung findet in einem Saal des Kongresszentrums statt, es gibt nun Platz für bis zu 500 Menschen. Hinter der Staatsanwaltschaft werden die bislang angemeldeten 62 Nebenkläger sitzen. Angehörige der Toten, Verletzte mit ihren Anwälten und Simultandolmetschern. 111 Verhandlungstage angesetzt Die Düsseldorfer Kanzlei Baum Reiter & Collegen vertritt rund zehn angeschlossene Nebenkläger. Sie hatte erfolgreich Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss des Landgerichts Duisburgs eingelegt, keinen Prozess zu eröffnen. Jetzt sind bis Weihnachten 2018 zunächst 111 Verhandlungstage angesetzt. „Der Wunsch, die Wahrheit zu erfahren ist groß", sagt Anwalt Julius Reiter, „die Hoffnung, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, ebenso." Im Juli 2020 tritt die absolute Verjährung ein Dabei steht die 6. Große Strafkammer unter einem gewissen Zeitdruck. Bis Juli 2020 muss ein erstes Urteil vorliegen, sonst tritt die sogenannte absolute Verjährung ein. In Deutschland gibt es kein Unternehmensstrafrecht, deshalb fehlt Rainer Schaller auf der Anklagebank. Schaller, Geschäftsführer der Veranstaltungsfirma Lopavent, hat aus Reiters Sicht „den wirtschaftlichen Erfolg der Loveparade über Leben und Gesundheit der Besucher gestellt". Im Unternehmen des Managers habe es ein „Spardiktat" gegeben. Nun sei zu klären, „inwiefern es sich auf die Sicherheitsvorkehrungen ausgewirkt hat". Vorwurf des Versagens gegen Verwaltungsspitze Außen vor bleibt zudem Duisburgs Ex-Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), außerdem die Polizei. Reiter vermutet, dass sie am Tag des Unglücks zu spät eingegriffen hat, sie zu lange den Veranstalter in der Pflicht sah. Der Verwaltungsspitze um Sauerland wirft die Nebenklage krasses Versagen vor. „Die Behördenleiter haben ihren Anteil an der Katastrophe", sagt Reiter. Sie hätten gewusst, „dass sie sich eine gefahrengeneigte Veranstaltung in die Stadt holen". Gegen Sauerland selbst gibt es nicht genügend strafrechtliche Anhaltspunkte für eine Anklage. "Aufarbeitung zwingend notwendig" Persönlich sei der Verhandlungsauftakt für ihn „ein großer Tag", sagt Reiter. „Wenn man sich für die Belange der Opfer einsetzt, jahrelang kämpft, obwohl die Lage von außen als aussichtslos eingeschätzt wird, dann ist das schon eine große Erleichterung." Zum siebten Jahrestag der Loveparade-Katastrophe gab es an der Rampe des Duisburger Karl-Lehr-Tunnels zum ersten Mal eine für alle öffentlich zugängliche Gedenkveranstaltung. Während der stillen Trauer hat sich Arno Eich in der Notfallseelsorge eingebracht. „Wie so etwas bei uns in Deutschland passieren konnte, ist mir noch immer unbegreiflich", sagt der 53-jährige Polizist. Gespannt sei er nun auf den Prozess. „Die Aufarbeitung ist zwingend notwendig – auch wenn man den Angehörigen ihr Leid noch einmal vor Augen führt."

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