Touristen am Strand von Mallorca. - © picture alliance / dpa Themendienst
Touristen am Strand von Mallorca. | © picture alliance / dpa Themendienst

Weltmeister im Meckern: Wie viele Deutsche versuchen, noch nach dem Urlaub den Reisepreis zu drücken

„Viele Urlauber glauben, etwas falsch zu machen, wenn sie kein Geld zurück erhalten."

Friderieke Schulz

Bielefeld. Ein dreckiges Hotelzimmer, schlechtes Essen oder Schimmelbefall: Immer mehr Deutsche versuchen durch die Auflistung von Mängeln nachträglich ihren Reisepreis zu mindern. „Ein nennenswerter Anteil der Urlauber ist der Meinung, etwas falsch zu machen, wenn sie kein Geld zurück erhalten", sagt Karl Born, ehemaliger TUI-Chef und Tourismusexperte. Er schätzt, dass rund sieben Prozent der Urlauber sich unberechtigt beschweren und es werden stetig mehr. Die steigenden Anfragen zur Reisepreisminderung bestätigt auch die Rechtsanwältin und Verbraucherschützerin Gabriele Schön vom ADAC. Sie sieht dahinter jedoch andere Gründe: „Immer mehr Reisende kennen ihr Recht." Ein Grund dafür sind die zahlreichen Medienberichte, die über die Rechte der Urlauber informieren. Dabei komme oft die von Gerichten verwendete Frankfurter Tabelle ins Spiel, die „jedoch lediglich eine Richtlinie mit einer Auflistung von Prozentsätzen für die Erstattung von Reisemängeln ist. Rechtsgültig ist sie nicht", so Born, der dazu mit Studierenden forschte. Das Ergebnis: Die generelle Anspruchshaltung der Urlauber ist gestiegen und zwar unabhängig von Preisen und Leistungsvereinbarungen. Besonders beliebt: Die "Durchfallmasche" „Für 300 Euro zwei Wochen in die Karibik zu fliegen und zu denken, man wäre in einem fünf Sterne Haus untergebracht, ist zu einer Mentalität geworden", kritisiert der ehemalige TUI-Chef, der eine weitere Zuspitzung mit dem Inkrafttreten des europäischen Reiserechtes 2018 erwartet. Dann wären nämlich Tricks möglich wie die kürzlich bekannt gewordene „Durchfallmasche", bei der massenhaft Briten in ihrem Mallorcaurlaub ein Durchfallmittel gekauft und zuhause behauptet hatten, sie hätten sich in ihrem Hotel auf der Insel eine Lebensmittelvergiftung eingefangen. „Die Methode ist jetzt natürlich verbrannt, aber es wird in Zukunft ähnliche Maschen geben", so Born, der auch beliebte Maschen unter Deutschen kennt. Platz eins: Sich vor Ort als Tester ausgeben, um besser behandelt zu werden. Im Meckern liegen die Deutschen weit vorn Im internationalen Vergleich liegen die Deutschen im Meckern übrigens vorn. „Und sie sind klagefreudiger, sofern sie rechtsschutzversichert sind", so Born. Dabei will der Tourismusexperte nicht bestreiten, dass die Qualität der Hotels durch Kostendruck abgenommen habe. „Hat der Bus auf der Tour vom Flughafen früher drei Hotels angefahren, sind es heute fünf." Doch Schadensersatzansprüche kann nicht jeder Reisende stellen. „Das gilt nur für Pauschalreisende, die mindestens zwei gebündelte Leistungen, also Hotel und Flug oder Hotel und Mietwagen, gebucht haben", so Schön vom ADAC. Zudem müssen Reisende sich noch vor Ort mit ihrer Beschwerde an den Reiseleiter wenden. Der schaut dann, ob er direkte Abhilfe schaffen kann oder den Reisepreis mindert. Zudem müssen bislang konkrete Beweise, wie etwa ein ärztliches Attest, für eine etwaige Lebensmittelvergiftung erfolgen: „Und zwar schriftlich bis maximal einen Monat nach der Rückkehr." Sie empfiehlt bereits bei der Buchung genau auf das Kleingedruckte zu schauen, denn Bilder im Katalog und selbst auf der Buchung seien nicht bindend: „Hinzu kommen schwammige Aussagen, wie etwa Meerblick. Der ist auch dann erbracht, wenn man sich dafür den Hals ausrenken oder etwa auf einen Stuhl stellen müsste." 7 Prozent beschweren sich völlig ohne Grund Und auch Ungeziefer im Zimmer ist nicht immer ein gerechtfertigter Beschwerdegrund. „Wenn es landesüblich ist und es zum Beispiel in der Region viele Ameisen gibt, kann man sich darüber nicht beschweren", sagt Schön. Dass das nicht immer verständlich ist, zeigt ein Beispiel: Eine Familie hatte ein Ferienhaus auf einer dänischen Insel gebucht. Mit der Dämmerung tauchten in dem Haus und drumherum jede Menge Spinnen auf. Doch das war im Herbst auf dieser Insel überall so. Kein Grund zur Beschwerde also. Ernst Führich, Professor im deutschen und europäischen Reiserecht, sieht letztlich den Massentourismus selbst als ursächlich für viele Beschwerden: „Dadurch werden die hygienischen Bedingungen nicht besser, sondern schlechter." Die Tendenz sei besonders auf Kreuzfahrtschiffen negativ, denn dort führe die Kombination aus warmem Klima, nachlässiger Essenshygiene und großem Andrang an den Buffets zu schwierigen Bedingungen. Das Risiko von Lebensmittelvergiftungen steige dadurch – zugleich wachse aber auch die Nachfrage derzeit um 15 Prozent. Auf Nachfragen dieser Zeitung bei den größten deutschen Reiseveranstaltern TUI, Thomas Cook und DER äußerte sich ausschließlich TUI konkret mit Zahlen zu den Beschwerden. Rund zwei Prozent seien es dort. Die anderen Veranstalter verzeichnen laut ihrer Pressestelle sogar einen Rückgang. Das bezweifelt Führich jedoch ebenso wie Born. Beide schätzen, dass etwa sieben Prozent der Urlauber sich unberechtigt beschweren. „Dass die Beschwerden zunehmen, können sie daran erkennen, dass die Veranstalter immer mehr Personal für die Reklamationsbearbeitung in den Beschwerdestellen einstellen", ist Führich überzeugt.

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