Ein Arbeitsplatz, an dem vielen Karrieren der Glanz genommen wurde: Wilhelm Schänzer leitete das Institut für Biochemie in Köln. - © dpa
Ein Arbeitsplatz, an dem vielen Karrieren der Glanz genommen wurde: Wilhelm Schänzer leitete das Institut für Biochemie in Köln. | © dpa

Deutschlands Top-Dopingfahnder: "Fußball hat ein Problem mit Doping"

Interview: Deutschlands renommierter Dopingfahnder Professor Wilhelm Schänzer geht in Ruhestand. Er fordert eine Ausweitung der weltweiten Trainingskontrollen und sieht dafür in Osteuropa den größten Bedarf

Christoph Fischer
Jürgen Beckgerd

Herr Schänzer, fast 40 Jahre sind Sie jetzt Doping-Jäger. Haben Sie schlaflose Nächte? Wilhelm Schänzer: Nein, hatte ich eigentlich nie. Aufgeregt war man immer, aber schlaflos? Nein. Damals war man jünger, klar, aber auch bei spektakulären Dopingfällen, nein. Es war nicht immer angenehm, man hat sich geärgert, wie das so ist. Aber Druck war doch immer da? Der Druck ist doch erheblich. Schänzer: Mich hat immer belastet, dass man sich keinen einzigen Fehler leisten konnte. Das war immer so, und das wird auch immer so bleiben. Das wird nicht weniger. Die Überprüfung durch die Welt-Antidoping-Agentur ist hart. Es ist schnell passiert, dass die Akkreditierung entzogen wird. Uns ist nicht bekannt, dass das Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln irgendwann Gefahr lief, die Akkreditierung zu verlieren. Schänzer: Nein, wir sind immer ganz gut gefördert worden. Und wir haben in der Analytik manche Entwicklung angestoßen. Vieles ist in Köln schon unter Manfred Donike entwickelt worden. Er war seit 1980 Mitglied der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees. Die ständige Qualitätskontrolle der Laboreinrichtungen weltweit geht letztlich auf Donike zurück. Was ist heute die große Herausforderung? Schänzer: Weltweit wird immer noch intensiv mit Anabolika gearbeitet, vor allem da, wo nicht kontrolliert wird. 98 Prozent der Positivfälle in Peking 2008 und London 2012 sind Anabolikafälle. Die Nachkontrollen haben im Grunde nur gezeigt, in welchen Ländern es ausgesprochen schlechte bis wenig entwickelte Kontrollsysteme gibt. Das gilt insbesondere für Länder in Osteuropa. Wenn die Langzeitlagerung von Proben früher eingeführt worden wäre, hätten wir noch wesentlich mehr positive Fälle nachweisen können. Vor allem auch im Radsport. Der immer wieder mit Epo in Verbindung gebracht wird. Schänzer: Erythropoietin, kurz Epo, hat das Eigenblutdoping abgelöst Ende der 80er Jahre. Epo ist massiv eingesetzt worden. Erst als Epo von uns ab 2000 nachweisbar war, sind 2004 in Frankreich Proben von 1998 und 1999 nachanalysiert worden. Von 70 Tests der Skandaltour 1998 waren 40 Epo-positiv, von 80 Proben 1999 waren aber nur noch zwölf in der Nachanalyse Epo-positiv. 2005 wurde dann bekannt, dass von diesen zwölf Positivtests allein sechs Lance Armstrong betrafen. Wahnsinn. Die Abschreckung war da, aber Armstrong hat das offenbar wenig beeindruckt. Auch als das Blutpassprogramm eingeführt wurde, war Armstrong immer bestens vorbereitet. Was ist aktuell das Hauptproblem der Analytik? Schänzer: Körpereigene Substanzen sind grundsätzlich im Nachweis immer schwieriger. Das gilt für Testosteron, für die Wachstumshormone, auch für Erythropoietin. Nachweiszeiten sind geringer, wir müssen schneller kontrollieren, weil die Nachweisfenster kleiner, Manipulationsmöglichkeiten höher sind. Grundsätzlich kann die Analytik immer nur so gut sein wie die Güte der angelieferten Kontrollen. Wenn das Labor manipulierte Kontrollen bekommt, nutzt die beste Analytik nichts. Es gibt Länder, da wissen die Athleten, wann die Kontrolleure kommen, wir wissen auch, dass Proben ausgetauscht werden. Das Labor in Moskau hat positive Befunde zudem gar nicht weitergegeben. Analytik bedingt Kontrollen, nur was die Analyse hervorbringt, kann auch kontrolliert werden. Nun sagen Sie, die Kontrollen bereiten Probleme. Schänzer: Ich habe nie verstanden, dass das IOC nicht zur Startauflage bei Olympia macht, dass die Athleten über Jahre konsequent getestet werden. Geld für die Kontrollen ist da, das ist nicht das Problem, es fehlt am Willen. Aber ich bin kein Sportpolitiker. Das Dopingproblem ist nur wirksam mit einer Ausweitung von weltweiten Trainingskontrollen zu bekämpfen. Was halten Sie vom Anti-Doping-Gesetz? Schänzer: Donike hat auch schon ein Anti-Doping-Gesetz gefordert. Jetzt haben wir es, ich bin kein Freund davon. Anti-Doping-Gesetz hört sich aber besser an als Arzneimittelgesetz Paragraf soundso. Aber es verschafft den Staatsanwaltschaften natürlich einen besseren Zugriff. Im Ernst: Wie viele Fälle wurden denn aufgeklärt? Auch, was den Schwarzmarkt betrifft. Das Gesetz war eine politische Entscheidung. Es soll abschreckende Wirkung haben. Ziel erreicht? Schänzer: Wir haben in Deutschland kein gravierendes Dopingproblem. Die Positiven kommen aus Osteuropa, aus Ländern, die im Training unzureichend kontrollieren. Hat man irgendwann bei Ihnen versucht, eine Probe unter den Tisch fallen zu lassen? Schänzer: Nein. Ich kann mich nur an einen Fall erinnern aus Osteuropa, als einer gefragt hat nach einem Positivbefund, ob daran noch etwas zu machen sei (lacht). Nein, habe ich gesagt, nichts zu machen. Schlimm ist es immer wieder, die Verzweiflung der Athleten bei positiven Tests mitzubekommen. Im Institut. Da geht es um Existenzen. Sind Tests teurer geworden? Schänzer: Ja, weil die Analytik umfangreicher geworden ist. Der Basispreis liegt seit zehn Jahren konstant bei 180 Euro. Wenn ich auf alles kontrolliere, kann eine Kontrolle aber 300 bis 400 Euro teuer werden. Mögen Sie nach all dem Ärger den Spitzensport überhaupt noch? Was halten Sie von der Reform der Spitzensportförderung in Deutschland? Schänzer: Ich bin kein Freund von einer Förderung, die sich ausschließlich an Medaillen orientiert. Ich denke, die Spitzensportförderung in Großbritannien funktioniert sehr gut. Warum machen wir es nicht genauso? Aber auch das ist eine sportpolitische Frage. Oft diskutiert, Fußball steht im öffentlichen Fokus. Hat der Fußball ein Dopingproblem? Schänzer: Der Fußball hat ein Problem mit Doping. Harald Schumacher hat über Captagon geschrieben, der 1. FC Köln hat nach Veröffentlichung von Schumachers Buch die ersten vier Proben vorbeigebracht. Das war Anfang 1988. Zu sagen, Doping bringt im Fußball nichts, ist jedenfalls barer Unsinn. Können Sie sich noch an den Fall Baumann erinnern? Schänzer: Aber ja. Unglaublich, wie aufwendig und nervenaufreibend das war. 1999 ging es um Nahrungsergänzungsmittel. Prohormone fluteten den Markt, sie wurden schnell verboten. Dieter Baumann hatte einen Nandrolon-Befund. 20 Nanogramm eines Nandrolon-Metaboliten haben wir gefunden, wir und zwei Wochen später auch in Kreischa. Dieter Baumann blieb positiv. Wir haben alles gesammelt, Bettwäsche in Tübingen, wir waren über die Produktion aller Metzgereien in und um Tübingen informiert. Und dann haben wir in der Zahnpasta das Prohormon gefunden. Wir wussten, dass das Mittel über Mundschleimhäute aufgenommen wurde. Mir war früh klar, dass es sich nur um eine Kontamination handeln konnte. Und wir wussten von Anschlägen dieser Art in der ehemaligen DDR. Und es muss ein Anschlag gewesen sein. Dramatischerweise wurde das nie aufgeklärt. Dieter Baumann tut mir heute noch leid. Haben Sie eigentlich das Vertrauen in die Sportler verloren? Schänzer: Schwierige Frage. Den Fall Jan Ullrich habe ich nicht für möglich gehalten, gerade auch, weil er von einem Sportmedizinischen Institut einer Universität (Freiburg, Anm. d. Red.) betreut wurde. Usain Bolt bewundere ich, ihn laufen zu sehen, ist wunderschön. Aber ich glaube selbst ihm nicht, der schon seit 15 Jahren läuft. Ich erteile niemand im Sport die Absolution.

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