OWL Der Justiz gehen die Männer aus

Frauenanteil bei Bewerbungen liegt bei 80 Prozent / Behördenleiter im OLG-Bezirk in Sorge

Hamm/Bielefeld. Gerichte und Staatsanwaltschaften in Nordrhein-Westfalen suchen verzweifelt nach hochqualifiziertem Nachwuchs. Vor allem die Zahl der männlichen Bewerber ist stark im Sinkflug. Hervorragende Juristen, die in ihren Staatsexamina die von der Justiz als Einstellungskriterium geforderten Spitzennoten schaffen, wollen kaum noch in den öffentlichen Dienst. Wegen der "deutlich besseren Verdienstmöglichkeiten" gehen sie in die freie Wirtschaft oder wandern ins Ausland ab. Manche suchen auch ihr Glück als Richter oder Staatsanwalt in Bayern, "weil dort die Einstellungsbesoldung höher ist". Mit deutlichen und in dieser Offenheit selten erlebten Worten haben der Präsident des Oberlandesgerichts Hamm (OLG), Johannes Keders, und Manfred Proyer, Leiter der Hammer Generalstaatsanwaltschaft, bei einem gemeinsamen Pressegespräch die personelle Entwicklung kommentiert. "Das bereitet uns große Sorgen", sagten die beiden Behördenleiter unisono. Das Oberlandesgericht in Hamm (OLG) ist das größte in Deutschland. Zu seinem Geschäftsbereich zählen zehn Landgerichte, darunter auch jene in Bielefeld, Detmold und Paderborn. Derzeit sind hier 1.735 Richter und Richterinnen tätig. Im Geschäftsbereich der Generalstaatsanwaltschaft Hamm, zu der auch die Staatsanwaltschaften in den drei genannten OWL-Städten zählen, arbeiten 493 Staatsanwälte und Staatsanwältinnen. Sowohl für den richterlichen als auch für den staatsanwaltschaftlichen Dienst seien die Bewerberzahlen auffallend rückläufig, berichten Keders und Proyer. Zudem verschiebe sich das Geschlechterverhältnis signifikant. Von den 67 Richterstellen, die im OLG-Bereich im vergangenen Jahr neu besetzt wurden, gingen 44 an Frauen. In den Staatsanwaltschaften der Region wurden gleichzeitig von 33 neuen Posten 22 weiblich besetzt. "Bei den Bewerbungen machen die Frauen mittlerweile 80 Prozent aus", sagt Proyer. An den Gerichten und Staatsanwaltschaften liegt die Anzahl der Frauen bislang noch knapp unter 50 Prozent. In einiger Zeit werde es in beiden Institutionen aber deutlich mehr Frauen als Männer geben. Um die Bewerberzahlen zu erhöhen und das Geschlechterverhältnis halbwegs im Lot zu halten, haben der OLG-Präsident und der Generalstaatsanwalt nach eigenem Bekunden bereits ihre ursprünglich sehr hohen Ansprüche zurückgeschraubt. Statt der Mindestnote "voll befriedigend" müssen männliche Bewerber jetzt nur noch ein "befriedigend" vorweisen. Eigentlich, so Keders, wolle man die besten 15 Prozent eines Juristenjahrgangs "in unseren Reihen sehen". Doch die vergleichsweise schlechten Verdienstmöglichkeiten würden vor allem junge männliche Spitzenjuristen in NRW von einer Bewerbung für den öffentlichen Dienst abhalten. Mit den letzten "Nullrunden" bei der Besoldung habe der Gesetzgeber die nötige Anerkennung "schmerzlich vermissen lassen", kritisiert Proyer. Frauen wollten sich häufig noch eher auf die Bedingungen einlassen, weil sie eine Tätigkeit als Richterin oder Staatsanwältin als vereinbar mit der Familie ansehen. Doch das stoße in der Justiz, wo lange Arbeitszeiten, Bereitschaftsdienste und oft schwierige Verfahren zu bewältigen sind, an Grenzen. Die Justiz müsse "für gute Leute" beiderlei Geschlechts attraktiv bleiben, fordert Proyer. Ansonsten sei das nicht gut - für die gesamte Gesellschaft.

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