Die Tücke im Detail: Stefan Simon (v. l.) und Matthias Schröder beraten junge Musiker im Karrierezentrum über eventuelle Fallen und Risiken. - © Friderieke Schulz
Die Tücke im Detail: Stefan Simon (v. l.) und Matthias Schröder beraten junge Musiker im Karrierezentrum über eventuelle Fallen und Risiken. | © Friderieke Schulz

Detmold Hilfe für Studenten der Musikhochschule im Karrierezentrum

Unterstützung: An der Hochschule in Detmold werden die Studierenden auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet. Die Anforderungen an Berufsmusiker haben sich stark verändert und verlangen Vielseitigkeit.

Friderieke Schulz

Detmold. Marius Strootmann hat viele Fragen. Neben seinem Studium an der Hochschule für Musik in Detmold gibt er Kontrabass-Unterricht und spielt in einer Reggae-Band. Jetzt möchte er mit seinen Bandkollegen Konzerte spielen und damit Geld verdienen. Wie genau er seine Honorare richtig abführt, Verträge schließt und auf was er noch achten muss, weiß er aber nicht. Als er nach mehr als einer Stunde das Karrierezentrum der Musikhochschule verlässt, sieht das anders aus. Stefan Simon und Matthias Schröder kennen sich mit solchen Fragen aus und helfen den jungen Musikern so, sich in dem wandelnden Berufsbild zu orientieren. 2009 eröffnete die Musikhochschule das Karrierezentrum in Detmold. „Das war etwa mit der Umstellung auf das Bachelor- und Masterstudium", erklärt der Leiter des Zentrums, Stefan Simon. Mit der Umstellung wurden auch die Fächer Musikvermittlung und Musikmanagement ins Curriculum aufgenommen, um berufsnaher auszubilden. „Hochschullehrer Matthias Schröder ist ein gutes Beispiel für das heutige Berufsbild eines Musikers und für das, was Studierende nach ihrem Abschluss erwartet", sagt der Sprecher der Musikhochschule, Friedrich von Plettenberg. Schröder unterrichtet in Detmold nicht nur Musikmanagement, er ist auch Kulturmanager, Journalist und Musiker. Solche „Portfolio-Karrieren", wie Simon sie mit einem Lächeln benennt, sind typisch. „Das Künstlerbild hat sich verändert. Heute genügt es nicht mehr, nur gut Geige spielen zu können." Immer mehr Orchester werden geschlossen, immer mehr Stellen abgebaut. Zugleich gibt es immer mehr Musiker, auch aus dem Ausland. "Erfolgreiche Musiker müssen mehr als ihr Instrument beherrschen" Das führt dazu, dass ein Musiker heute auf mehreren Beinen stehen muss. Heute könne ein Musiker nicht mehr darauf bauen eine feste Stelle in einem Orchester zu erhalten und dort bis zur Rente spielen zu können. Vor 40 Jahren war das noch anders. „Das betrifft aber nicht nur private Orchester. Auch die Rahmenbedingungen durch kommunale Veranstalter und öffentliche Arbeitgeber werden immer schlechter", sagt Schröder und berichtet, dass auch städtische Einrichtungen wie Musikschulen vermehrt Honorarkräfte einstellen – teilweise mehr als 50 Prozent. Das Seltsame an der Entwicklung: Während sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern, steigen zeitgleich die Umsätze im Musikmarkt. „Immer mehr Musiker werden in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrückt", sagt Simon. Fast alle Absolventen der Musikhochschule haben mehr als eine Stelle. Darauf bereiten die Karrierehelfer und Dozenten die jungen Musiker schon im Studium vor. So gibt es in Detmold Seminare in denen das gute Musikerfoto, die eigene Biografie oder Erfolgsstrategien für die eigene Social Media Seite ebenso auf dem Lehrplan stehen, wie Verhandlungs- und Pressetraining. „Zusätzlich gibt es viele Extra-Angebote von Spezialisten, die zu besonderen Themen informieren", ergänzt Simon. "Unsicher sind Studenten vor allem bei ersten Engagements" Vor allem weil das Berufsbild so vielfältig geworden ist, ist die individuelle Beratung laut Simon wichtig. Denn die Studierenden seien sich insbesondere bei ersten Engagements unsicher. „Viele Absolventen wissen zum Beispiel nicht, ob sie gut verhandelt haben", erklärt Schröder. Themen wie Versicherungen, Steuern oder Urheberrecht klingen trocken, seien aber mitentscheidend für den Erfolg als Berufsmusiker. „Die Studierenden sollen sich solidarisieren. Wer weiß, was auf dem Markt an Honoraren üblich ist, kann selbst viel besser fordern", sagt Schröder. Die Gespräche öffnen vielen die Augen und zeigen manchem auf, dass er viel zu wenig Geld für Leistungen erhält. Obwohl sich die Anforderungen an Berufsmusiker gewandelt haben, sehen die Detmolder Karriereberater in dem veränderten Markt auch Chancen. Musiker können Konzerte spielen, als Pädagogen arbeiten, Veranstalter oder Kuratoren sein. Eine Studierende unterrichtet über einen Youtube-Kanal, ein anderer Student hat sich auf die Herstellung von Röhrchen für die Oboe spezialisiert. „Wir raten allen Studierenden dazu, in ihrem Interessengebiet über den reinen Musiker-Tellerrand zu schauen", sagt Schröder. Denn Vielfältigkeit ist zur Normalität geworden: „Die Dienstleistungsgesellschaft betrifft auch die Musiker." Sich selbst verstehen Simon und Schröder dabei als Ideengeber und Türöffner, nicht als Berater, die die Weisheit mit dem Löffel gegessen haben. Denn auch sie selbst sind vom Wandel der Branche betroffen und behaupten sich mit vielen Standbeinen – eben richtigen Portfolio-Karrieren.

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