Warnt vor einer Verschärfung des Pflegenotstands: Die Bielefelderin Regine Wichert berichtet von dem Leid ihres erkrankten Mannes und der schwierigen Suche nach Unterstützung. - © Barbara Franke
Warnt vor einer Verschärfung des Pflegenotstands: Die Bielefelderin Regine Wichert berichtet von dem Leid ihres erkrankten Mannes und der schwierigen Suche nach Unterstützung. | © Barbara Franke

Bielefeld Einblick in den Pflegenotstand: Angehörige eines Demenzkranken berichtet

Pflege: Die Bielefelderin Regine Wichert berichtet von dem Leben mit ihrem demenzkranken Mann. Sie zeigt die Folgen für Patienten und Angehörige in einem System auf, das am Limit steht.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Auf der Suche nach einem Pflegedienst oder einem Heimplatz ist die Verzweiflung bei Patenten und ihren Angehörigen groß. Sowohl die großen Wohlfahrtsverbände, als auch kleine private Anbieter müssen immer mehr Anfragen abweisen. Auch in OWL verschärft sich der Pflegenotstand. Doch was bedeutet das für Betroffene? Die Bielefelderin Regine Wichert berichtet von Problemen in der Pflege ihres demenzkranken Mannes und gibt damit einen sehr persönlichen Einblick in ein System am Limit. "Er war wie ausgewechselt" Vor elf Jahren ändert sich das Leben von Regine und Jürgen Wichert. „Ich kannte meinen Mann als agilen Menschen, der seinen Beruf als Lehrer liebte und sich auch ehrenamtlich viel engagierte", sagt die Ehefrau. Doch von einem Tag auf den anderen verändert sich Jürgen Wichert. „Nach der Arbeit fand ich ihn völlig aufgelöst, gestresst und erschöpft Zuhause vor. Er wollte nicht mehr in die Schule und war wie ausgewechselt." Jürgen Wichert erholt sich mit Verdacht auf Burn-out-Syndrom in einer Rehaklinik. „Die Ärzte hatten jedoch einen anderen Verdacht – Alzheimer." Das Paar glaubt an einen Irrtum. „Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass jemand mit 59 Jahren an Alzheimer erkranken kann." Doch Jürgen Wichert verändert sich weiter. Es folgen Wortfindungsstörungen und Orientierungsprobleme. „Mein Mann fand plötzlich nicht mehr den Weg nach Hause und baute ständig Unfälle", erklärt die 59-Jährige. "Nach einer Woche im Krankenhaus stand fest - Demenz" Das Paar sucht erneut Hilfe bei Ärzten und diesmal steht die Diagnose fest – Demenz. „Nach einer Woche im Krankenhaus stand fest, dass mein Mann an einer schweren dementiellen Erkrankung leidet, geprägt durch einen sehr schnellen Krankheitsverlauf." Regine Wichert übernimmt die Pflege und arbeitet weiter Vollzeit beim Unternehmerverband der Metallindustrie Ostwestfalen. „Das ging anderthalb Jahre irgendwie gut, aber dann reichte die Tagespflege nicht mehr aus." Wichert wird ihrem Mann und sich selbst nicht mehr gerecht, denn auch die Unterstützung durch Familie und Freunde bleibt größtenteils aus. „Ich habe nur noch funktioniert. Ich war überfordert und musste mir Hilfe suchen." Doch die Suche nach einer passenden Einrichtung für einen vergleichsweise jungen Demenz-Patienten wie Jürgen Wichert gleicht einer Odyssee. „Ich habe mir dutzende Einrichtungen angesehen", sagt Wichert. Nach langer Suche findet sie einen Platz in einer Demenz-WG in Rheda-Wiedenbrück, allerdings nur kurz. Nach einem Jahr bittet die Einrichtungsleitung um Auszug. „Mein Mann lief häufig weg und irrte durch die Stadt, es gab keine Sicherungen und das Personal war damit überfordert", erklärt Wichert. 2014 beginnt erneut die Suche nach einem Pflegeplatz. Jürgen Wichert zieht in eine andere Demenz-WG. Doch auch nach dem Umzug kommt es zu Problemen. „Es funktionierte anfangs gut, doch mein Mann und die anderen Bewohner mussten sich monatsweise auf neue Pflegekräfte einstellen", moniert Wichert. „Die Mitarbeiterfluktuation ist in der Branche extrem hoch, das gilt für alle Einrichtungen, die ich kenne." Zudem fehle Fachpersonal. „Mehrfach sagte mir das überforderte Personal, dass mein Mann ruhig gestellt werden muss, weil er nicht mitarbeitet." Doch die Hausärztin empfiehlt genau das Gegenteil: Ansprache und Therapie. "Sprachbarrieren führen in Kliniken 
zu Problemen" Die Auswirkungen des Pflegenotstands erlebt die Familie auch im Krankenhaus, als sich Jürgen Wichert den Oberschenkelhals bricht. „Der Zustand meines Mannes hat sich deutlich verschlechtert. Jürgen erkennt mich nicht mehr, kann sich nicht äußern und kaum noch bewegen", sagt Regine Wichert. Nach der OP kommt es zu Verwechslungen: „Nur mit der Hilfe einer Krankenschwester konnte ich einem Arzt klar machen, dass er meinen Mann mit einem anderen Patienten verwechselt und keinen Venenzugang benötigt." Trotz mehrfacher Nachfrage habe sie der Arzt am Bett ihres Mannes ignoriert. „Hinzu kommen Sprachbarrieren, die im Krankenhaus mehrfach zu Problemen geführt haben." Wie in der Pflege fehle auch dort Personal, sagt Wichert. Mit Blick auf ihre Erfahrungen warnt sie vor einer Verschärfung des Pflegenotstands. „Durch die schwere Erkrankung meines Mannes habe ich erlebt, wie Patienten und Angehörige unter Personalmangel und Überforderung leiden."

realisiert durch evolver group