Da hätten Familien gut Lachen: Eine Fahrt in Bussen und Bahnen könnte künftig gratis sein. - © PaderSprinter GmbH
Da hätten Familien gut Lachen: Eine Fahrt in Bussen und Bahnen könnte künftig gratis sein. | © PaderSprinter GmbH

Bielefeld Fragen und Antworten: Warum es bis zum Gratis-Ticket noch weit ist

Für den Bereich der OWL Verkehr GmbH müssten Fahrgeldeinnahmen von rund 140 Millionen Euro ausgeglichen werden.

Matthias Bungeroth

Bielefeld. Ein Verdienst gebührt den Bundesministern Barbara Hendricks (SPD, Umwelt), Christian Schmidt (CSU, Verkehr) sowie Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) auf jeden Fall: Mit ihrem offenen Brief an die EU-Umweltkommissarin Karmenu Vella haben sie dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in der öffentlichen Diskussion viel Gewicht verschafft. Die Debatte um einen möglichen Gratis-Tarif wird auch in Ostwestfalen-Lippe aufgenommen. Bundesweit hatte sie für Aufruhr, aber auch Skepsis gesorgt. Wir haben dazu in OWL einige Fragen gestellt. Welche Bedingungen müssten für die Einführung von Gratis-Tickets erfüllt werden? „Zunächst müsste es ein schlüssiges Finanzierungskonzept geben, das den Verkehrsunternehmen die erzielten Einnahmen von rund 140 Millionen Euro pro Jahr kompensiert", sagt Annika Fritzlar, Marketingexpertin der OWL Verkehr GmbH. Diese Gesellschaft ist für die Tarifgestaltung des ÖPNV in den Kreisen Minden-Lübbecke, Herford, Lippe, Gütersloh sowie der Stadt Bielefeld zuständig. Auch die infrastrukturellen Voraussetzungen müssten laut Fritzlar ausgebaut und angepasst werden. Wie groß ist die Bandbreite beteiligter Unternehmen? Sie reicht vom Großkonzern DB bis hin zum kleinen Busunternehmen. Dazu gehören im Zuständigkeitsbereich der OWL Verkehr GmbH auch die Bielefelder Verkehrsbetriebe Mobiel, die Nordwestbahn, die Eurobahn, die Westfalenbahn (Abellio) oder die Stadtbusse von Bad Salzuflen und Lemgo. Zurzeit sind unter dem Dach der Gesellschaft mehr als 20 Unternehmen vereint. Die Ticketeinnahmen werden nach einem bestimmten Schlüssel unter ihnen aufgeteilt. Was sagt der Nahverkehrsverbund Paderborn-Höxter (NPH) zu den Plänen? NPH-Geschäftsführer Siegfried Volmer macht darauf aufmerksam, dass der ÖPNV im NPH-Gebiet, also den Kreisen Paderborn und Höxter, überwiegend privat organisiert ist. Die Einnahmen dieser Unternehmen müsse man ausgleichen. Volmer erinnert an die Einführung des Westfalentarifs im vergangenen Jahr. Für das Nahverkehrsticket im Bereich Westfalen-Lippe seien 60 Partner integriert worden. „Daran muss man messen, wie komplex das Thema ist." Die Einführung eines Gratis-Tickets sei „eine Entwicklung, die man nicht ad hoc umsetzen kann". Kann sich das Unternehmen Mobiel in Bielefeld eine Beteiligung an einem Modellversuch vorstellen? „Wenn, dann müsste die ganze Stadt Bielefeld teilnehmen", sagt Cornelia Christian, Geschäftsbereichsleiterin Kundenmanagement bei Mobiel. In dieses Modell müssten dann auch alternative Bedienformen wie Carsharing oder E-Autos einbezogen werden. Gibt es Nachteile eines solchen Modellprojekts? „Es gibt auf jeden Fall einen Ungerechtigkeitsaspekt", sagt Cornelia Christian. Wenn man sich etwa einem Finanzierungsmodell wie in den Niederlanden anschließe, das auf einer Umlage über die Steuer in den jeweiligen Kommunen basiere, gebe es Probleme, wenn der Verbundraum rund um die Modellkommune nicht eingebunden sei. Wer dann zum Beispiel von einer Modellkommune Bielefeld nach Gütersloh fahren wolle, müsse für sein Ticket bezahlen, obwohl er das Gratis-Ticket über seine Steuer mitfinanziere, gibt Christian zu bedenken. Ist die Debatte um das Gratis-Ticket dennoch sinnvoll? „Wir sind froh, wenn das Thema ÖPNV aktiv in die Klimaschutzdebatte einbezogen wird", sagt Christian. Aber: „Wenn man das macht, muss man es zu Ende denken." Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) macht darauf aufmerksam, dass es aktuell in der Stadt rund 200.000 zugelassene Kraftfahrzeuge gibt. 1960 seien es noch 20.000 gewesen. „Der Straßenraum ist aber nicht größer geworden."

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