Am Rande einer Kundgebung: Eine Salafistin versucht, ihr Gesicht weitestgehend zu verdecken. - © dpa
Am Rande einer Kundgebung: Eine Salafistin versucht, ihr Gesicht weitestgehend zu verdecken. | © dpa

Düsseldorf Frauen spielen in der islamistischen Szene eine immer größere Rolle

Neue Erkenntnisse: Es gibt in NRW rund 350 Frauen in der Szene. Sie tauschen sich vor allem über das Internet aus. Dort gibt es sogar Tipps für die „richtige“ Kindererziehung

Lothar Schmalen

Düsseldorf. Junge Frauen und Mädchen spielen in der islamistischen Szene in NRW eine immer größere Rolle. Nach neuesten Informationen der Behörden sind inzwischen rund 350 der insgesamt 3.000 Salafisten in NRW weiblich. Auch unter den als Islamistische Gefährder eingestuften Personen und deren Umfeld steigt der Anteil der Frauen. Wie das NRW-Innenministerium jetzt auf eine Anfrage der Grünen im Landtag mitteilte, sind unter den 253 Gefährdern elf Frauen und unter den 134 sogenannten „relevanten Personen", das sind solche, die als Unterstützer der Gefährder gelten, ist sogar inzwischen jede vierte weiblich. In beiden Gruppen hat die überwiegende Mehrheit die deutsche Staatsangehörigkeit. Unter den 255 Personen, die nach aktuellen Erkenntnissen aus NRW in die dschihadistischen Kampfgebiete in Syrien und im Irak ausgereist sind, ist inzwischen nahezu jede dritte weiblich. 86 Prozent der ausgereisten Frauen und Mädchen sind unter 30 Jahren alt. Zurückgekehrt sind nach den Erkenntnissen der Staatsschutzbehörden bisher 75 Personen, darunter 15 Frauen und Mädchen. Auch Kinder und Jugendliche können gefährlich sein Hans-Georg Maaßen, Chef des Verfassungsschutzes, hatte vor verstärkten Rückreisen von Frauen, Jugendlichen und Kindern gewarnt. Viele Kämpfer würden nach den weitreichenden Gebietsverlusten des IS im Irak und in Syrien ihre Angehörigen vor dem Kriegsgeschehen in Sicherheit bringen und in den Westen zurückschicken. „Es gibt Kinder, die in den Schulen des IS-Gebietes einer Gehirnwäsche unterzogen wurden stark radikalisiert sind", sagte Maaßen. „Mitunter können diese Kinder und Jugendlichen auch gefährlich sein." Zunehmende Sorge bereiten den Staatsschützern auch radikale „Schwestern-Netzwerke". Die Anhängerinnen der extrem-salafistischen oder gar dschihadistischen Szene würden sich, so NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), „im Rahmen organisierter Treffen in Privaträumen und Moscheen betätigen". Hier würden besonders religiöse Lerninhalte vermittelt, die zur Rekrutierung einer weiblichen Anhängerschaft dienten. Vor allem seien die islamistischen Frauen in sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten aktiv. Es gebe Zusammenschlüsse weniger Personen bis hin zu großen Gruppen. Hier tauschten sich weibliche Szeneangehörige in einer ihrer Ideologie angepassten Lebensführung aus, böten Anleitungen zur Kindererziehung und Unterricht an, seien in der „Gefangenenhilfe" aktiv und verbreiteten extrem-salafistische Inhalte. "Frauen sind in der Szene keine Mitläuferinnen" „Die Zahlen zeigen, dass Frauen in der Szene keine Mitläuferinnen sind", sagt Verena Schäffer, Innenpolitik-Expertin der Grünen im Landtag. Es müsse damit gerechnet werden, dass Frauen ähnlich wie in der Rechtsextremisten- Szene zunehmend als stabilisierende Bindeglieder wirkten. „Wenn Männer eine Frau kennenlernen, die nicht in der Szene ist, steigen sie womöglich aus. Dazu haben sie aber keinen Grund mehr, wenn es auch Frauen um sie herum gibt, die derselben Ideologie folgen", so Schäffer. Bedrohlich sei vor allem die salafistische Kindererziehung. Inzwischen versuchen die Landesregierung und die Staatsschutzbehörden gegenzusteuern. So fördert das NRW-Integrationsministerium bereits seit 2017 das Video-Projekt „Lebensentwürfe muslimischer Frauen und Mädchen" der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Die Videos, die unter anderem bei Youtube abrufbar sind, versuchen die Argumente des gewaltbereiten, verfassungsfeindlichen Salafismus’ zu entkräften und die Selbstbestimmung von Frauen zu stärken. Auch das Aussteigerprogramm Islamismus des Verfassungsschutzes reagierte auf die neue Entwicklung. Inzwischen seien, so Innenminister Reul, gezielt weibliche Ausstiegsbegleiterinnen eingestellt worden. Außerdem werde die Ansprache jetzt gezielt auch für Mädchen und Frauen akzentuiert. Nach Angaben des Innenministeriums beträgt der Frauenanteil im Aussteigerprogramm inzwischen bereits knapp 20 Prozent.

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