Protestcamp: Umweltaktivistin Jazzy in Gallien, einem Dorf im Hambacher Forst. Der Bau eines Baumhauses dauert Wochen. Die Schlafplätze wechseln fast täglich. - © Foto: C. Bock
Protestcamp: Umweltaktivistin Jazzy in Gallien, einem Dorf im Hambacher Forst. Der Bau eines Baumhauses dauert Wochen. Die Schlafplätze wechseln fast täglich. | © Foto: C. Bock

Kerpen-Buir Kohlegegner auf dem Baum

Klimaschutz: Trotz des verhängten Rodungsstopps geht der Widerstand der Aktivisten im Hambacher Forst weiter. Nicht jeder versteht, dass die Akzeptanz von Gewalt der Sache schadet

Florian Pfitzner

Kerpen-Buir. Ihre Nester heißen Gallien und Oak-Town, und wer sie tief im urigen Hambacher Forst aufsucht, greift vorher lieber zu festem Schuhwerk. Überall sind kleinere Gräben ausgehoben und größere Barrikaden aufgetürmt aus Fahrradfelgen, Autoreifen und Holzlatten, um im Falle einer Räumung Zeit zu gewinnen. "Wir kämpfen auch für eure Kinder", steht auf Englisch an einer alten Tür, die in einer der Barrieren steckt. Und auf einem Laken hoch in den Wipfeln ruft man "auf die Bäume!" Jetzt sei "Schluss mit der Rodungssaison". Um die hundert Aktivisten sind zuletzt die Eichen, Hainbuchen und Winterlinden hinaufgestiegen, um sie vor dem Bagger zu schützen, der sich schon jahrzehntelang durch die Region gräbt. Der Wald an der Abbruchkante des Braunkohletagebaus Hambach liegt fußläufig rund dreißig Minuten von Buir entfernt. Ungefähr 12.000 Jahre alt, ist der Forst für die Förderung der Kohleflöze bereits größtenteils abgeholzt worden. Von den ursprünglich 4.100 Hektar sind nur einige hundert übrig geblieben. "Viel Zeit gewonnen" Ihr Etappenziel haben die Umweltschützer kurz vor Weihnachten erreicht: Im Wald gibt es einen vorläufigen Rodungsstopp. RWE Power darf bis Ende März weder Bäume fällen noch Sträucher wegschneiden. "Damit haben wir viel Zeit gewonnen, um noch mehr Baumhäuser zu bauen", sagt ein Aktivist aus dem Rhein-Erft-Kreis. "Der Kampf geht weiter." In Gallien seilt sich Jazzy von einer der Plattformen ab, die man in bis zu zwanzig Metern Höhe in die Kronen gezimmert hat. Am Gürtel ihrer Tarnhose klimpern Karabinerhaken. Jazzy, Mitte zwanzig, bunter Schal, schwarze Kapuze, gemeldet in Dresden, lebt seit sechs Monaten im Wald. "Ich will den Klimawandel aufhalten", sagt sie, "den Kohleabbau stoppen." Sie führt eine kleine Gruppe durch den Forst. Darunter Josh, einen 19-jährigen Aktivisten aus Baden-Württemberg, vor drei Wochen angereist und gerade an einer "Weggabelung" in seinem Leben, wie er erklärt: "Ausbildung oder aussteigen." Was seine Eltern sagen? Sie hätten es aufgegeben, ihm irgendwelche Vorschriften zu machen. Meistens friedlich, ab und an militant Kalter Wind zieht durch den Wald, sorgfältig auf dem Boden angeordnete Äste weisen einem den Weg. An der Zufahrt zum Tagebau wachen Mitarbeiter der RWE-Werkssicherheit. Jazzy und Josh ziehen ihre Schals hoch. Man weiß ja nie, ob aus der Ferne fotografiert wird. Meistens bleibt der Protest friedlich. Allerdings ist es zwischen den Aktivisten sowie Polizei und RWE schon zu gewalttätigen Zusammenstößen gekommen. Es flogen Steine. "Macht mit beim Widerstand - ob friedlich oder militant", steht auf einem der Plakate im Wald. Einige Tage vor dem Treffen hat ein Aktivist einen Kontaktpolizisten bespuckt, ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Im Landtag ließ sich eine CDU-Abgeordnete zu einer wilden Tirade hinreißen, fabulierte über "Terroristen im Hambacher Forst". NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) kritisierte die "eingeflogenen Krawalltouristen". Der Verfassungsschutz stellte zuletzt eine Unterwanderung des Öko-Protests durch Linksextreme fest. Es sei ja kein fester Schlag gewesen In den beinahe märchenhaften Waldgemeinschaften Gallien und Oak-Town tut man sich schwer, den Angriff auf den Beamten zu verurteilen. Distanzierung heißt Entsolidarisierung. Es sei ja kein fester Schlag gewesen, sagt Jazzy, zumal in einer "aufgeheizten Stimmung". Linksextremisten habe sie noch keine kennengelernt. Je ausführlicher die junge Frau erzählt, umso ausgeprägter das Gefühl, als ginge es ihr längst nicht nur um Klimaschutz: "Polizisten sind bei den meisten von uns grundsätzlich nicht willkommen", sagt Jazzy. "Sie haben uns mit Pfefferspray angegriffen, da kann ich die Wut in der Gruppe verstehen." "Gewalt schadet politischen Zielen" Die Grünen ärgern sich über solche Nonchalance. "Gewalt darf niemals Mittel der demokratischen Auseinandersetzung oder des Protests sein", sagt ihre Vorsitzende im Landtag, Monika Düker. Wer sie trotzdem anwende, "diskreditiert nicht nur sich, sondern schadet den politischen Zielen, für die sich die sozialen und ökologischen Bewegungen mit friedlichem Protest einsetzen". Ein Umweltaktivist, der sich Wiesel nennt, findet in Gallien klare Worte. Passiver Widerstand wie eine Bagger- oder Baumbesetzung sei "völlig okay", sagt er. "Ich würde aber niemals jemanden angreifen, aktive Gewalt ist inakzeptabel."

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