Praktische Berufserfahrungen im Krankenhaus: Medizinstudentin Franziska Szott legt einer Patientin einen Gipsverband an. Ihr Kommilitone Magnus Schneider schaut ihr dabei über die Schulter. - © Foto: dpa
Praktische Berufserfahrungen im Krankenhaus: Medizinstudentin Franziska Szott legt einer Patientin einen Gipsverband an. Ihr Kommilitone Magnus Schneider schaut ihr dabei über die Schulter. | © Foto: dpa

Düsseldorf/Bielefeld Medizin-Studium: Urteil heizt Streit um Abinote an

Medizinstudium: Ob durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Vergabeverfahren der Einfluss des Numerus Clausus sinken wird, ist umstritten

Carolin Nieder-Entgelmeier

Düsseldorf/Bielefeld. Der große Einfluss der Abiturnote bei der Vergabe von Studienplätzen in der Humanmedizin ist seit Jahren umstritten. Mit Blick auf den Ärztemangel hat auch die Politik beschlossen, daran etwas zu ändern, doch bislang lässt die Reform auf sich warten. Das Bundesverfassungsgericht beschleunigt diesen Prozess nun mit seinem Urteil, wonach das Vergabeverfahren in Teilen verfassungswidrig ist. In zwei Jahren müssen Bund und Länder dafür sorgen, dass die Studienplatzvergabe in der Medizin künftig verfassungsgemäß ist. Ob dadurch der Einfluss der Abiturnote sinken wird, ist jedoch umstritten. Aktuell werden Medizinstudienplätze nach einem festen Schlüssel vergeben. 20 Prozent über die Abiturnote, 20 Prozent über Wartezeiten und 60 Prozent über unterschiedliche Kriterien wie Auswahlverfahren der jeweiligen Hochschulen, wobei auch hier die Abiturnote eine große Rolle spielt. Dieses Vergabesystem ist nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts grundsätzlich mit dem Grundgesetz vereinbarbar. Allerdings müssen Bund und Länder die Zahl der Wartesemester begrenzen und bundesweit einheitliche Auswahlverfahren ermöglichen, in denen die Abiturnote nicht das einzige Kriterium sein darf. Das nordrhein-westfälische Kultusministerium begrüßt das Urteil. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts sorge für "Rechtsklarheit", erklärt eine Sprecherin. Die Vorgaben des Gerichts würden nun im Rahmen der Kultusministerkonferenz der Länder ausgewertet und schnellstmöglich umgesetzt. Für NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ist das Urteil eine "Chance für einen Neuanfang". Westfalen-Lippes Ärztekammerpräsident Theo Windhorst reicht das Urteil hingegen nicht aus: "Grund zum Jubeln gibt es nicht, weil das Vergabeverfahren nicht einfacher und die Abiturnote weiter eine große Rolle spielen wird." Windhorst engagiert sich seit Jahren dafür, dass der Einfluss der Abiturnote bei der Studienplatzvergabe an Einfluss verliert. "Soziale Kompetenzen und einschlägige Berufserfahrung zeigen mir, ob Bewerber die Medizin zu ihrer Berufung machen wollen. Die Abiturnote zeigt das nicht", moniert Windhorst. Auch der deutsche Hausärzteverband wünscht sich, dass die Abiturnote bei der Vergabe von Medizinstudienplätzen noch deutlicher an Einfluss verliert. "Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass die Abiturnote allein nicht dafür ausschlaggebend ist, ob jemand ein guter Arzt wird", erklärt der Vorsitzende Ulrich Weigeldt. Vor allem für Hausärzte sind soziale Kompetenzen im Zweifel wichtiger als ein 1,0 Abitur. Kritik übt Ärztekammerpräsident Windhorst auch an der "Regulierungswut" des Bundesverfassungsgerichts. "Ein bundeseinheitliches Auswahlverfahren bedeutet, dass Bundes- und Landesgesetze angeglichen werden müssen. Dabei besteht die Gefahr, dass Initiativen auf Landesebene, wie die Förderung von Allgemeinmedizinern in NRW, an Wirkung verlieren." Kritisch äußert sich Windhorst auch zur Einschränkung der Freiheit der Hochschulen. "Dass der Gesetzgeber den Hochschulen bislang ein eigenes Kriterienerfindungsrecht für die Auswahl von Bewerbern eingeräumt hat, bezeichnet Karlsruhe als verfassungswidrig."

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