Die Landmaschinen Top-Entwicklung der 1950er Jahre: Der Mähdrescher Hercules von Claas. - © claas
Die Landmaschinen Top-Entwicklung der 1950er Jahre: Der Mähdrescher Hercules von Claas. | © claas

OWL Neues Buch ist Erfindern aus der Region auf der Spur

Geschichte in OWL: Der Bielefelder Historiker Hans-Jörg Kühne hat sich auf die Suche nach den genialen Köpfen der Region gemacht. Er fand neben Backin und Filtertüte auch Mähdrescher und ein besonderes Hemd

Martin Fröhlich

Bielefeld. Das wollte Historiker Hans-Jörg Kühne so nicht stehen lassen. Da hatten doch Baden-Württemberger ein Buch herausgebracht, in dem sie geniale Erfindungen aus ihrer Region feiern. "Das können wir in NRW und allemal in Ostwestfalen-Lippe doch auch", sagte sich der Bielefelder. Und machte sich auf die Suche. Gefunden hat er 40 Gegenstände, Ideen und Weiterentwicklungen, die heute unseren Alltag prägen. Kühne hat sich in ganz NRW umgeschaut, doch besonders intensiv hat er in OWL geforscht. "Ich komme von hier und kenne mich hier am besten in der Geschichte aus", sagt er. Es spiele aber auch eine Rolle, dass tatsächlich in der Region überdurchschnittlich viele kreative Geister Spuren hinterlassen haben. "Vielleicht hängt das mit der großen Tradition der Familienunternehmen in OWL zusammen", vermutet Kühne. Als Finder von Erfindungen stieß er auf Berühmtes, auf Überraschendes, auf Verblüffendes und auf tatsächliches Geniales. "Wichtig war mir bei allen Kandidaten, dass sie unser tägliches Leben intensiv beeinflussen. Nehmen Sie zum Beispiel die Klebertube. Die hat doch jeder schon mal in der Hand gehabt." Nun stammt die Klebertube von der Firma Henkel in Düsseldorf und nicht aus OWL. Doch bei rund 15 cleveren Ideen führt die Spur hierher. Darunter sind so bekannte Geistesblitze wie das Backin von Dr. Oetker, der Kaffeefilter von Melitta, der Nixdorf-Computer und das Karamellbonbon aus Werther. »Oft führen spontane Einfälle zu einer Revolution im Alltag« Kühne aber fand noch viel mehr. "Wussten Sie, dass das Morphium in Paderborn erfunden wurde? Ich nicht", verrät der Spurensucher. Friedrich Sertürner hieß der Apotheker, dem das 1805 gelang. "Oder das bügelfreie Hemd, das stammt von der Firma Seidensticker aus Bielefeld. Großartig." Es waren nicht unbedingt die reinen Neuerfindungen, die Kühne faszinierten. "Oft ist doch der Schritt vom theoretischen Konzept hin zur Brauchbarkeit für jedermann entscheidend." Oder das Anpassen einer Idee aus anderen Ländern an hiesige Gegebenheiten. "Ich denke da an den Hercules-Mähdrescher von Claas", sagt der Historiker. Der war weltweit beileibe nicht der erste selbstfahrende Mähdrescher, der ohne Traktor auskam. "In Übersee und der Sowjetunion gab es die schon früher." Doch die Claas-Entwicklung war so verbessert, dass das Gefährt praktisch allen Anforderungen bei der Ernte gewachsen war, selbst schwierigsten Bodenverhältnissen. "Damit begann sein Siegeszug auf den Äckern Westeuropas." Manchmal war es bloß eine Marketing-Idee, die zur Erfindung wurde. "Ein wunderbares Beispiel ist die Katze als Firmenemblem der Hoffmannschen Stärkefabriken in Bad Salzuflen." Mit der Katze als Logo blühte das Unternehmen erst richtig auf. Ähnlich genial findet Kühne den Beginn dessen, was heute als Fundraising bekannt ist. "Das stammt aus Bethel." Friedrich von Bodelschwingh der Ältere gründete 1877 den Pfennigverein und legte den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Spendensammelns für Bethel. "Es sind oft diese spontanen Einfälle, die eine alltägliche Revolution auslösen", meint der Historiker und führt als Beispiel, wenn auch nicht aus OWL, den O.b.-Tampon an. "Er geht auf zwei arbeitslose Akademiker in Düsseldorf zurück, die zufällig eine amerikanische Zeitschrift fanden, in der sie eine Werbung entdeckten." So manche Überraschung begegnete dem Suchenden auf seinem Weg. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Idee der elektronischen Chipkarte aus NRW kommt." 40 besonders spannende Erfindungen hat Hans-Jörg Kühne in einem Buch zusammengefasst. Darin fällt eines auf: Anfang der 1980er Jahre endet offenbar der Ideenreichtum in NRW - oder doch nicht? "Das ist eine gute Frage", räumt Kühne ein: "Ich habe tatsächlich aus der jüngeren Vergangenheit keine Beispiele gefunden." Dies könne aber auch daran liegen, dass bei manchen Entwicklungen noch nicht klar sei, dass sie den Alltag verändern. So bleibt nur noch eine Frage: Hat Hans-Jörg Kühne auch schon etwas erfunden? Er überlegt, lacht und sagt: "Vielleicht die Art, wie ich Saxofon spiele. Immer mit voller Power, das ist ungewöhnlich, hat man mir gesagt."

realisiert durch evolver group