Bahnhofsmanager Martin Nowosad hilft den Rollstuhlfahrern Nicola, Udo und Erhard, indem er über die Feuerwehr eine Fahrt nach Minden organisiert. - © Barbara Franke
Bahnhofsmanager Martin Nowosad hilft den Rollstuhlfahrern Nicola, Udo und Erhard, indem er über die Feuerwehr eine Fahrt nach Minden organisiert. | © Barbara Franke

Bielefeld Wie Fahrgäste das Bahnchaos nach Sturmtief "Xavier" erlebten

Störungen: Auch nach dem Abzug des Sturmtiefs „Xavier“ hält das Chaos im Bahnverkehr an. Reisende verbringen die Nacht in Zügen

Jürgen Mahncke
Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. „Xavier" hat Deutschland mit großer Wucht getroffen. Wer allerdings dachte, mit dem Abzug des Sturmtiefs sei alles wieder gut, der irrt. Am Tag danach herrschte weiter Chaos im Bahnverkehr, auch in Ostwestfalen-Lippe. „Xavier" fegte am Donnerstag vor allem über den Norden und Osten hinweg und kostete sieben Menschen das Leben. Besonders schwer betroffen von dem Unwetter und den Folgen mit umgestürzten Bäumen waren Niedersachsen, Berlin, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Der Sturm legte den Fernverkehr lahm, Tausende Reisende strandeten in Bahnhöfen. Während sich der Nahverkehr Freitagmorgen langsam normalisierte, brauchten Reisende im Fernverkehr weiter viel Geduld. Lange gesperrt waren am Freitag die Routen Berlin-Hannover, Hamburg-Berlin, Hamburg-Hannover, Berlin-Leipzig und Osnabrück-Hamburg. Aus Basel und München kommende ICE fuhren nicht bis Hannover, Hamburg oder Berlin, sondern nur bis Kassel-Wilhelmshöhe. Andere ICE aus dem Süden kehrten in Dortmund um, statt bis nach Bremen und Hamburg weiterzufahren. Betroffen von dem Chaos im Fernverkehr war auch der frühere Landtagsabgeordnete Hans Feuß. "Wir haben lange gehofft, dass es irgendwie weitergeht" Am Donnerstag beginnt der SPD-Politiker aus Harsewinkel seine Reise nach Berlin, doch erst mit mehr als 24 Stunden Verspätung kommt er am Freitag um 15 Uhr in Berlin an. „Allerdings nicht mit der Bahn, sondern im Großraumtaxi", berichtet der 65-Jährige. Die Nacht verbringt Feuß mit Parteikollegen in einem ICE im Bahnhof Wunstorf. „Wir haben lange gehofft, dass es noch irgendwie weiter geht, aber in Wunstorf war Endstation." Mitreisende organisieren Mietwagen und Hotelzimmer, doch die Kapazität ist schnell erschöpft. Mehr schlecht als recht übernachtet Feuß, der am Wochenende an der Gedenkveranstaltung zum 25. Todestag von Willy Brandt in Berlin teilnimmt, auf einer Sitzbank im ICE. „Die Nacht war nicht erholsam, aber die Johanniter haben uns mit Kaffee, Tee und Kartoffelsuppe versorgt." Beeindruckt ist Feuß nach seiner längsten Fahrt nach Berlin von der Gruppendynamik, die sich unter Mitreisenden entwickelt. „Man hilft sich." Die Solidarität, die im Chaos unter Mitreisenden und Personal entsteht, beeindruckt auch Rainer Engel vom Fahrgastbeirat Verkehrsverbund OWL. „Gestrandete Fahrgäste haben mir erzählt, dass Fremde ihnen Übernachtungs- und Mitfahrgelegenheiten angeboten haben und viele Mitarbeiter der Bahnunternehmen 24-Stunden-Schichten geleistet haben." Kritik übt Engel an der Informationspolitik. „Es ist nicht vertretbar, dass der Schienenersatzverkehr entweder gar nicht oder nur mit winzigen Hinweisschildern angezeigt wird." Oberleitungsschaden und Bauarbeiten verschärfen das Chaos in OWL In OWL verschärfen ein Oberleitungsschaden in Löhne und Weichenerneuerungen in Bielefeld das Chaos. So stranden in der Region mehrere Hundert Fahrgäste in Bahnhöfen und verbringen die Nacht in Zügen. Allein in Minden sitzen 370 Passagiere in zwei ICE fest und in Bielefeld 50 Fahrgäste in einem IC. Der Bielefelder Bahnhofsmanager Martin Nowosad ist bereits 15 Stunden im Einsatz, als die Bahn einen IC als Hotelzug für die gestrandeten Passagiere bereitstellt. An Gleis 2 macht Nowosad seine Inspektion. Er blickt in fragende Gesichter, kann jedoch nur sagen, dass kein Zug mehr fährt. Die 18-jährigen Schüler Jonah und Paul nehmen das Angebot nach 30 Stunden von Toronto nach Bielefeld erschöpft an. Den letzten Teil ihrer Reise nach Braunschweig verschieben sie auf den Morgen. In der 1. Klasse machen es sich Großeltern mit ihren Enkeln bequem. Für die Kinder ist die Strecke Oberhausen-Berlin zur Abenteuerfahrt geworden, für Oma und Opa zur Strapaze. Schlechte Stimmung am Hauptbahnhof Bielefeld In der Vorhalle fallen dem Bahnhofsmanager drei Rollstuhlfahrer auf. Nicola, Udo und Erhard haben die „Fachmesse Rehacare" in Düsseldorf besucht und wollen zurück nach Minden, doch die Zugfahrt endet in Bielefeld. Nowosad versucht vergeblich ein Großraumtaxi zu organisieren, das auch Rollstühle transportiert. Erst dank der Feuerwehr hat er Erfolg. Wenige Minuten später sind die drei Rollstuhlfahrer auf dem Weg nach Minden. Am Hauptbahnhof kommt schlechte Stimmung auf. Aggressive Reisende lassen ihren Unmut an Bahnmitarbeitern aus. Nowosad und Kollegen versuchen zu beruhigen und erklären, dass erst am Morgen wieder Züge fahren. Immer wieder schildern sie, dass die Bahn die Gleise nach Stürmen überprüfen muss, bevor Züge fahren können. „Stellen sie sich vor, wir würden ohne Prüfung einen voll besetzten Zug losschicken, der dann auf freier Strecke wegen eines umgestürzten Baumes liegenbleibt." Dann doch lieber eine Nacht im Hotelzug an Gleis 2 im Bielefelder Hauptbahnhof.

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