Datenschützer kritisieren eine digitale Plattform für Schulen. - © dpa
Datenschützer kritisieren eine digitale Plattform für Schulen. | © dpa

Schule Kritik an Datenbank "Logineo" für Schulen

Auf der Plattform werden hochsensible Daten wie Fördergutachten, Zensurenlisten, Mahnbriefe und Fehlzeiten gespeichert.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Um das digitale Chaos an Schulen zu beenden, haben sich die Landesregierung und die Kommunen in NRW bereits vor Jahren dazu entschlossen, Schulen eine digitale Infrastruktur bereitzustellen. Mit Beginn des Schuljahres haben nun alle Schulen die Möglichkeit, die digitale Arbeitsplattform „Logineo NRW" zu nutzen. Die Plattform soll Schulen einen geschützten Zugang zu Kommunikation, Lernmitteln und Dateimanagement bieten, doch Datenschützer und Gewerkschaften üben Kritik. Datenschutz Logineo NRW bietet Schulen auch die Nutzung einer Cloud. Daten von Schülern, Eltern und Lehrern können darin verarbeitet werden. Dazu gehören unter anderem hochsensible Daten wie Fördergutachten, Zensurenlisten, Mahnbriefe und Fehlzeiten, auf die Lehrer auch von Zuhause mit privaten PCs, Tablets oder Smartphones zugreifen können. Ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko, sagen Datenschützer. Der Vorwurf: Lehrern wird die Arbeit im Homeoffice zulasten der Sicherheit von Schülerdaten ermöglicht. Laut der Landesbeauftragten für den Datenschutz NRW (LDI) sollte jegliche Datenverarbeitung innerhalb der Schule stattfinden, damit die Schulleitung, die die Verantwortung trägt, Kontrolle und Einfluss nehmen kann. Konkret bedeutet das, dass Schulleitungen die Nutzung privater Geräte eigentlich nur dann genehmigen dürften, wenn nicht genügend Computer in den Schulbüros vorhanden sind. „Die Schulleitung ist aufgrund der Vielfältigkeit der Risiken bei der Datenverarbeitung auf privaten Geräten nicht mehr in der Lage, alle technisch relevanten Sicherheitsaspekte zu überschauen", heißt es im LDI-Datenschutzbericht. Schulen müssen also IT-Administrationsaufgaben übernehmen, die sie gar nicht leisten können. Der Detmolder Berufsschullehrer Klaus Keßler kritisiert, dass letztlich Schulleitungen und Lehrer in der Pflicht sind: „Statt vom Staat oder Schulträger gemanagte Hardware für die Nutzung von Logineo NRW zu erhalten, sollen sie mit ihren privaten Geräten darauf zugreifen." Die Lehrkräfte müssen sich zudem zu einer regelmäßigen Aktualisierung der Betriebssysteme, Firewall und Virenschutzprogramme verpflichten, ansonsten können sie in die Haftung genommen werden, ergänzt der Informatiker. „Letztlich verantwortlich für die Datenverarbeitung ist dann der Schulleiter, der nicht selbst die Sicherheit prüft, sondern nach Aktenlage gemäß dem Grundsatz ’Treu und Glauben’ genehmigt." Zusätzlich drohen Lehrkräften aufgrund von Lizenzproblemen laut Keßler Abmahnungen und in der Folge Unterlassungsklagen, wenn sie die Anwendungssoftware für private Geräte, die es wie Virenscanner oftmals kostenlos gibt, beruflich nutzen. Gesetzesänderung Für den Betrieb von Logineo NRW samt der Möglichkeit des Cloudzugriffs von privaten Geräten aus, hat die abgewählte Landesregierung extra die Datenschutzverordnungen geändert. Diese regeln, welche Daten von Schülern, Eltern und Lehrern zur Verarbeitung zugelassen sind. Dabei wurden Einschränkungen gestrichen, so dass jetzt mehr Daten einfacher gespeichert und automatisiert verarbeitet werden und persönliche Daten von Schülern in einer Cloud abgelegt werden können, damit Lehrer auch von Zuhause darauf zugreifen können. Zudem musste das Schulministerium für den Betrieb von Logineo NRW eine Dienstvereinbarung mit den Hauptpersonalräten der verschiedenen Schulformen schließen. Unterzeichnet haben die Hauptpersonalräte für Lehrkräfte aller Schulformen, bis auf den Hauptpersonalrat Realschulen. „Dabei geht es nicht darum, die Einführung einer Plattform zu verhindern, die allen Schulen einen geschützten Zugang zu Kommunikation, Lernmitteln und Dateimanagement bieten soll, sondern um einen rechtskonformen Betrieb von Logineo NRW", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Hauptpersonalrats Realschulen und der Gewerkschaft „Lehrer NRW", Sven Christoffer. „Aktuell sind die in der Dienstvereinbarung getroffenen Festlegungen zur Wahrung des Datenschutzes nicht ausreichend." Die Vertreter der Realschulen wollen verhindern, dass Lehrer und Schulleiter in die Haftungsfalle geraten und hoffen auf entscheidende Nachbesserungen, damit der Datenschutz gewahrt wird, so Christoffer. Die Gewerkschaft hat deshalb ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Vom NRW-Schulministerium heißt es dazu, dass Logineo NRW den Einsatz privater Geräte nicht voraussetzt. Doch aufgrund mangelnder Arbeitsplätze in Schulen nutzen die meisten Lehrer seit Jahren private Geräte Zuhause. Funktionalität Kritik gibt es auch an der Funktionalität von Logineo NRW. Die Computerzeitschrift CT, eine der auflagenstärksten in Deutschland, hat die Arbeitsplattform analysiert und kommt zu dem Fazit, dass Logineo NRW nicht mehr als ein Basisgerüst für den digitalen Unterricht ist. „Lernen im Netz ist aber mehr als nur Datei- und Nachrichtenaustausch." Das wissen auch IT-Riesen wie Microsoft, Apple und Google, die Schulen Arbeitsplattformen mit deutlich mehr Funktionen, wie beispielsweise Microsoft Office 365, kostenlos anbieten. In der Analyse werden deshalb Zweifel laut, ob Logineo NRW gegenüber kommerziellen Lösungen auf dem Markt überhaupt konkurrenzfähig wäre. Keßler kritisiert zudem, dass die Dienstvereinbarung zwischen Landesregierung und Hauptpersonalräten nur für Logineo NRW gilt und nicht für Alternativprodukte, wie Lösungen von Microsoft, Apple oder Google. Laut Landesregierung werden andere Systeme, die von Firmen Schulen bereitgestellt werden, in alleiniger Verantwortung der Schulleitung genutzt. „Damit bleiben die datenschutzrechtlichen Probleme bestehen, da keine universell geltende Dienstvereinbarung geschlossen wurde", moniert Keßler. „Das wirft auch wettbewerbsrechtliche Fragen auf."

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