Wilfried W. (l.), Angeklagter im Folter-Fall von Höxter-Bosseborn. - © Marc Köppelmann
Wilfried W. (l.), Angeklagter im Folter-Fall von Höxter-Bosseborn. | © Marc Köppelmann

Paderborn/Höxter Fall Höxter-Bosseborn: Wilfried W. will nach der Haft ins Kloster

Richter Emminghaus liest drei Stunden aus den Aufzeichnungen des 47-jährigen Angeklagten vor. Der präsentiert eine neue Version des Todes von Annika W.

Jutta Steinmetz

Paderborn/Höxter. Lesen, auch Vorlesen gehört für Richter zum Tagesgeschäft. Meist sind es sorgfältig formulierte Schriftsätze, größtenteils grammatikalisch und orthografisch korrekt, die sie in öffentlicher Sitzung zu Gehör bringen. Das war am 30. Verhandlungstag im Bosseborn-Prozess ganz anders. Rund drei Stunden lang trug der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus die Aufzeichnungen vor, die Wilfried W. ausformuliert hat – als seine Sicht der Dinge. Und die ist letztlich wenig überraschend. Wilfried W. sieht sich als Opfer seiner Mitangeklagten Angelika W.. Ihr habe er immer gehorcht – aus Angst. Es ist ein mühseliges Unterfangen für Richter Emminghaus, denn Wilfried W., den Zeuginnen als eloquent beschrieben haben, ist kein Mann des geschriebenen Wortes. Und so klingt es ein bisschen wie eine Warnung, als der Vorsitzende zum Beginn des Verhandlungstages sagt, dass es auf den 21 Seiten ziemlich ungeordnet und durcheinander zugehe. Angeklagter beschreibt sich als Opfer Folglich kämpft sich der Richter durch die Seiten, auf denen sich der Angeklagte selbst als hilfloses Opfer darstellt – schon in der Kindheit geschlagen vom alkoholkranken Vater, in der Jugend missbraucht vom Freund der Mutter und schließlich gepeinigt von seiner Ex-Frau Angelika. Diese habe sogar versucht ihn umzubringen, damals 2003, als das Auto auf der Gauseköte wegen zu hoher Geschwindigkeit von der Straße abkam und sich überschlug. Außerdem habe sie zwei Hunde eigenhändig erdrosselt. All das hat Wilfried W. in seinem Schreiben sprunghaft und nur selten mit vollständigen Sätzen formuliert. Doch als er in seinen Aufzeichnungen schildert, dass Angelika W. allein schuldig sei am Tod der Annika W., wird er ganz beredt. „Was hast du mit meiner Annika gemacht? Warum hast du sie mir genommen", will er ausgerufen haben, als er vom Tod der 34-Jährigen erfuhr. "Bester Freund Alkohol" Ein bisschen drängt sich der Verdacht auf, dass Wilfried W. Papier für geduldig hält. Er hat dem Gutachter Michael Osterheider einen Brief geschrieben, den Emminghaus jetzt auch vorliest. Darin beschreibt sich der 47-Jährige als Trinker mit dem „besten Freund Alkohol", als Konsument von berauschenden Pillen und anderen Drogen. Im Gerichtssaal dazu von seinem Verteidiger Detlev Binder befragt, gibt Wilfried W. zu, da gelogen zu haben. Ihm hätten Mithäftlinge geraten, sich so einzulassen. Vielleicht haben die ihm auch empfohlen, sich als reuigen Sünder zu präsentieren – genau das macht Wilfried W. nämlich in einem Brief, den er erst vor kurzem an Richter Emminghaus geschrieben hat. In dem teilt er seine Pläne mit für die Zeit nach der Haft. Dann wolle er der katholischen Kirche beitreten und sich in ein Kloster zurückziehen. Er habe da bereits die Benediktiner in Meschede ins Auge gefasst, heißt es in dem Schreiben. All das liest Bernd Emminghaus mit stoischer Ruhe vor. Wenn er mal ein Wort nicht lesen kann, hilft ihm von der Anklagebank aus Angelika W., die Kopien der Schriftstücke aus der Hand ihres Exmannes vor sich liegen hat. Sie darf sich demnächst dazu äußern. Auch sie hat schon viel geschrieben, an das Gericht, an die Gutachterin Nahlah Saimeh. Aber ihr Verteidiger Peter Wüller möchte, dass sie sich mündlich mitteilt.

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