Studierendenpfarrer: Nils Petrat ist in Paderborn an der Uni und im Dom tätig. Der 36-Jährige ist für Studenten da, wenn sie Hilfe benötigen. - © Marc Köppelmann
Studierendenpfarrer: Nils Petrat ist in Paderborn an der Uni und im Dom tätig. Der 36-Jährige ist für Studenten da, wenn sie Hilfe benötigen. | © Marc Köppelmann

Paderborn Kein leichter Job: Nils Petrat ist Pfarrer für Studenten

Porträt: Die Universität Paderborn ist das Einsatzgebiet von Nils Petrat. Der 36-Jährige wirkt auf den ersten Blick eher wie ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, als ein Geistlicher, der auch mal in den eigenen Reihen aneckt.

Ingo Kalischek

Paderborn. Immer mittwochs mischt sich Nils Petrat unter die Studenten. Zwei Stunden lang steht der Studierendenpfarrer dann mit der Gemeindeassistentin in der Eingangshalle der Universität Paderborn und verteilt Kaffee. Eigentlich soll sein Kaffeestand auch ein Ort der Begegnung sein. Zur Beratung, Seelsorge und Begleitung. Doch das interessiert die wenigsten Studenten. Die meisten schnappen sich im Vorbeigehen einen Kaffee – und ziehen weiter. „Hallo, danke, tschüss." Für Nils Petrat ist das nicht so schlimm. Der Studierendenpfarrer will sichtbar sein, ohne sich dabei aufzudrängen. Es sei eben ein Gesprächsangebot. Mehr nicht. Doch auch das gefalle nicht jedem. „Was wollen Sie hier? Schämen Sie sich nicht?", habe ihn ein Student kürzlich gefragt. Die katholische Kirche habe in der Universität nichts verloren, sagen sie. Aus der Ruhe bringen lässt sich Petrat nicht. Er hört zu und versucht auf die Einwände einzugehen. „Erst wenn ich persönlich beleidigt werde, beende ich ein Gespräch." Auch das komme ab und zu vor. „Die katholische Kirche ist für viele Menschen ein Reizthema. Und als Priester bin ich nun mal für viele die Kirche in Person." Gibt sich Nils Petrat zu erkennen, sorgt das in den meisten Fällen für Verwunderung. Das mag vor allem an seinem Aussehen liegen. Petrat trägt kurzes blondes Haar, ein schlichtes Hemd, eine schwarze Hose und Turnschuhe. Er ist 36 Jahre alt und schlank. Er isst kein Fleisch und geht zweimal pro Woche ins Fitnessstudio. Petrat war früher leidenschaftlicher Fußballer, ist noch immer Fan des 1. FC Köln und verfolgt die Partien im TV. Er lächelt viel, hat dabei aber nicht selten einen prüfenden, manchmal kritischen Blick. Einmal pro Jahr nimmt er eine Auszeit in einem Kloster. Dann spricht er eine Woche lang kein Wort. Petrat würde optisch eher als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni durchgehen. Aber als Priester? Kirchlicher Ansprechpartner während der Studienzeit In seiner Aufgabe als Studierendenpfarrer kombiniert er beides. Petrat sieht sich als kirchlicher Ansprechpartner während der Studienzeit. Er ist da, wenn Studenten auf der Stelle treten. Wenn ihnen der Sinn im Leben fehlt, sie Probleme im Studium, in der Familie oder Liebe haben – oder wenn sie auf der Suche nach Gott sind. Einige brauchen Rat, weil sie keine Wohnung finden. Andere suchen einfach Anschluss und wollen reden. Und andere wollen bei ihm die Beichte ablegen. Petrat trifft die jungen Menschen in der Mensa, der City, an der Uni oder der Kirche. Viele melden sich per Mail bei ihm. Grundsätzlich sei jeder willkommen. Erst zur Abizeit, im Alter von 19 Jahren, entwickelt Petrat den Wunsch Priester zu werden. „Das kam für mich überraschend. Ich konnte mir das früher nie vorstellen", sagt er. Auslöser war ein Friedensprojekt Ende der 1990er-Jahre in Bosnien. In einer Gruppe leistete Petrat Aufbauarbeiten nach dem Krieg, organisierte Konzerte und suchte Gespräche in der traumatisierten Bevölkerung. „Das hat mich verändert." Er habe gemerkt, wie glücklich es ihn mache, Menschen zu helfen. Zwei Jugendpfarrer dienten ihm als Ansprechpartner. Ihnen durfte er alle kritischen Fragen stellen: „Wie merke ich, dass es Gott gibt? Warum ist die Kirche manchmal so komisch und konservativ? Warum gibt es den Zölibat?" Vieles sei ihm heute klarer, aber seine Skepsis habe er nicht abgelegt. „Ich bin begeisterungsfähig, aber kritisch." Petrat hat eine konkrete Vorstellung von Kirche. Wichtig seien gute, ansprechende Gottesdienste, die Ansprache des Priesters, die Übertragung des Evangeliums in den Alltag sowie eine gute Vorbereitung. Er könne den Frust der Menschen gut verstehen, die sich über lieblose und schlecht vorbereitete Messen und Beerdigungen ärgern. Kirche dürfe nicht nur als Moralhüterin auftreten, sondern müsse Ansprechpartnerin sein für Fragen im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft: An welchen Werten orientiere ich mein Leben? Wie gehen wir mir Terror, Angst und Wut um? „Hier hat Kirche ganz viel Potenzial." Nach jedem Gottesdienst geht er zum Ausgang und schüttelt den Besuchern die Hand. Es sei auch schon vorgekommen, dass er aus den eigenen Reihen auf Kritik stoße. Manchen Gläubigen ist er zu modern und locker. Er sei nicht gläubig genug, mache im Gottesdienst nicht bloß Dienst nach Vorschrift. Solche Beschwerden verletzten ihn. Dann zweifelt Petrat: „Wofür mache ich das Ganze?" Von seinem Kurs abbringen lassen will er sich dadurch aber nicht. Er wird auch künftig Kaffee an Studenten verteilen – und ihnen zuhören, wenn sie das wollen.

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