Es werden zwar weniger Kinder geboren, dafür sind die Untersuchungen aber umfangreicher geworden. - © picture alliance
Es werden zwar weniger Kinder geboren, dafür sind die Untersuchungen aber umfangreicher geworden. | © picture alliance

Bielefeld Kinderärzte in OWL kämpfen 
gegen Überlastung

Eltern müssen immer vollere Wartezimmer hinnehmen, die Mediziner sind durch die Situation überfordert. Viele Praxen verhängen ein Aufnahmestopp

Janet König

Bielefeld. Überfüllte Wartezimmer, leerstehende Arztpraxen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner (BVKJ) hat eine Überbelastung der Kinderärzte in Deutschland beklagt. Einigen Ärzten bleibe nichts anderes übrig, als Aufnahmestopps zu verhängen, sagte Verbandssprecher Hermann Josef Karl. Das Problem ist auch in OWL schlimmer denn je. Allein in Bielefeld werden bis zum Jahr 2025 knapp die Hälfte der niedergelassenen Praxen altersbedingt schließen müssen, schätzt der Bielefelder Kinderarzt Uwe Büsching. Nachwuchskräfte seien schwer zu finden. „In anderen Regionen wird einfach besser verdient", sagt Büsching. Nur noch wenige Ärzte würden sich in einer Praxis niederlassen wollen. Der Versorgungsnotstand sei daher hoch. In Bielefeld gebe es knapp 29 leerstehende Praxen, die keiner haben will. „Der Hausarztmangel hat sich auf die Kinderärzte ausgeweitet", weiß Büsching. Seit April besteht die Bielefelder Gemeinschaftspraxis nur noch aus zwei Kinderärzten, ein Kollege habe die Region verlassen. „Seitdem beschränken wir uns auf drei Postleitzahlen und nehmen nur noch nachgeborene Geschwisterkinder neu auf", sagt Büsching. Umfangreichere Untersuchungen In knapp fünf Jahren wollen sich der 63-Jährige und seine Kollegin zur Ruhe setzen. „Wenn wir keine Nachfolger finden, werden wir die Praxis schließen müssen." Knapp 2.500 Patienten pro Quartal müssten sich dann einen neuen Kinderarzt suchen. Die Situation würde sich verschärfen. Das Kernproblem der Überbelastung liegt im System, weiß Michael Achenbach, Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendmedizin für Westfalen-Lippe. Zwar werden weniger Kinder geboren, dafür seien die Untersuchungen – insbesondere im Bereich der Vorsorge – umfangreicher geworden. „Früher bestand das Heft aus einer Doppelseite, heute sind es dreimal so viele", sagt Achenbach. Knapp fünf Minuten mehr Zeit müsse man pro Patient einplanen, daneben seien die Krankheitsbilder komplexer geworden. Neurodermitis, chronische Erkrankungen, Übergewicht. „Alles Krankheiten, die mehr Zeit in Anspruch nehmen." In Bielefeld sehe die Bedarfsplanung einen Kinderarzt für 2.405 kleine Patienten vor. Die Zahlen variieren regional. „Das ist der falsche Weg. Die Politik müsste Versorgungsforschung unterstützen", sagt Achenbach. Die Planung müsse sich an die Realität anpassen und dürfte sich nicht aus Statistiken der 80er Jahre zusammensetzen. Von der Politik wird gefordert, sich verstärkt um die Ausbildung neuer Mediziner zu bemühen.

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