Sehr gesucht: Lehrkräfte für die Schulen. - © picture alliance / dpa
Sehr gesucht: Lehrkräfte für die Schulen. | © picture alliance / dpa

NRW Im öffentlichen Dienst droht massive Personalnot

DGB, DBB und Bundesverwaltung fordern eine Attraktivitätsoffensive / Junge Bauingenieure verdienen in der Privatwirtschaft bis zu 1.000 Euro mehr

Matthias Bungeroth

Bielefeld. Angesichts der immer größeren Personalnot in weiten Teilen des öffentlichen Dienstes schlagen die großen Gewerkschaften in Nordrhein-Westfalen Alarm: In Schulen, Finanzämtern und Ermittlungsbehörden seien inzwischen mehr als 6.000 Stellen nicht besetzt. Wenn sich Bezahlung, Karrierechancen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht deutlich verbesserten, sei die Funktionsfähigkeit des Staates in ernster Gefahr. In NRW sind rund 795.000 Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigt. „Der öffentliche Dienst steht im Wettbewerb um die besten Köpfe in starker Konkurrenz zur Privatwirtschaft. Deswegen muss er dringend attraktiver werden", sagt Roland Staude, Landeschef des Deutschen Beamten Bundes (dbb), gegenüber nw.de. Ähnlich sieht es Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in NRW, und nennt ein Beispiel: „Das Land hat 4.329 Stellen in Schulen und Schulverwaltungen nicht besetzt. Das ist eine ganze Menge." Mit ihrer Warnung stehen die NRW-Gewerkschaftschefs nicht alleine da. Kritik an "Symbolpolitik" Auch der Präsident des Bundesverwaltungsamtes, Christoph Verenkotte, warnt davor, dass eine anstehende Pensionierungswelle zu massiven Personalproblemen in der Bundesverwaltung führen könne. Im Bundeshaushalt würden nur 500 Stellen vorgehalten, um demografische Effekte auszugleichen. Angesichts der Gesamtzahl von 500.000 Beschäftigten in der Bundesverwaltung sei dies lediglich „Symbolpolitik", kritisierte Verenkotte. In NRW gibt es nach Analyse der Gewerkschaftschefs mehrere Faktoren, die die Personalsituation verschärfen. „Bauingenieure werden in der Privatwirtschaft besser bezahlt. Es geht um bis zu 1.000 Euro Unterschied in den Anfangsgehältern", kritisiert Meyer-Lauber. Im Mittelbau der Hochschulen seien neun von zehn Stellen befristet. „Da haben wir ein Qualitätsproblem", so der DGB-Chef. „In bestimmten Bereichen verlieren wir 20 Prozent der Mitarbeiter alleine in den ersten fünf Berufsjahren. Um das auszugleichen, müssen wir endlich über Bedarf ausbilden", fordert Staude. Besonders betroffen sei hier die Finanzverwaltung. In den vergangenen Jahren sei „durch Stellenabbau Haushaltskonsolidierung auf den Rücken der Beschäftigten betrieben" worden, kritisiert Staude. Das Ergebnis seien massive Arbeitsverdichtung und Millionen von Überstunden. Der Sparkurs müsse abgestellt werden. Staude: „Alles andere gefährdet die Funktionsfähigkeit des Staates." Kommentar Höchste Zeit Die Zeiten in der öffentlichen Verwaltung haben sich gründlich geändert. Angestaubte Büros mit muffigen Aktenordnern sind Schnee von gestern. Die moderne Verwaltung nutzt die Vorzüge der digitalen Kommunikation, um bürokratische Abläufe zu verkürzen und Wartezeiten so kurz wie möglich zu halten. Service wird groß geschrieben. Doch dafür braucht es bestens ausgebildetes Personal.Und genau hier beginnt die Krux. Denn der öffentliche Dienst benötigt mehr neue Fachkräfte denn je, um seinen Aufgaben in ausreichendem Umfang nachkommen zu können. Da kommt die anstehende Pensionierungswelle von Mitarbeitern aus den geburtenstarken Jahrgängen zur Unzeit. Denn nun kommen zwei weitere Faktoren hinzu: die demografische Entwicklung und der allgemeine Fachkräftemangel. Um vor diesem Hintergrund hier konkurrenzfähig zu sein, muss die öffentliche Hand nicht nur gute Ausbildungsangebote machen, wie zum Beispiel durch die anerkannt hervorragende Fachhochschule für Finanzen in Nordkirchen, die Finanzwirte qualifiziert. Alle Berufsbilder müssen auch konkurrenzfähig sein, wenn es für junge Menschen darum geht, sich für den öffentlichen Dienst oder die Privatwirtschaft zu entscheiden. Gehaltsunterschiede von bis zu 1.000 Euro zu Lasten des öffentlichen Dienstes genügen diesen Ansprüchen nicht mehr. Auch bei den Karrierechancen gibt es noch viel zu tun, etwa für Lehrer im Grundschulbereich. Für die Politik ist es höchste Zeit zu handeln. Kontakt zum Autor

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