Entspannt: Frank Walter Steinmeier. - © Vera Gerstendorf-Welle
Entspannt: Frank Walter Steinmeier. | © Vera Gerstendorf-Welle

Berlin Bald Bundespräsident: Zu Besuch bei Frank-Walter Steinmeier in Berlin

In dem kleinen Abgeordnetenbüro des designierten Bundespräsidenten im Paul-Löbe-Haus 
stehen schon die Umzugskartons. Denn der gebürtige Brakelsieker will am 19. März ins Schloss Bellevue einziehen

Silke Buhrmester

Berlin. Wie ein Gigant thront das Paul-Löbe-Haus in unmittelbarer Nachbarschaft der Schweizer Botschaft, versperrt, vom Hauptbahnhof kommend, den Blick auf das altehrwürdige Reichstagsgebäude. 61.000 Quadratmeter, auf denen 550 Büros für 275 Abgeordnete untergebracht sind. Im obersten Stockwerk, ganz hinten rechts, das Büro eines besonderen Abgeordneten: Frank-Walter Steinmeier, Sozialdemokrat, gebürtiger Lipper und designierter Bundespräsident. Es ist ruhig an diesem eisigen Tag im Februar. Am Haupteingang, wo sonst die Limousinen stehen, aus denen zumeist Männer in dunklen Anzügen steigen, steht kein Auto. Und im Inneren steht sich die Security die Beine in den Bauch. Schon auf dem Flur kommt ein gut gelaunter Steinmeier – offener Hemdkragen, blaues Sakko und Jeans – den Besucherinnen aus Lippe entgegen. Eine fröhliche Begrüßung, ein freundschaftliches Schulterklopfen. Steinmeier wirkt entspannt. Jetzt, Tage nach dem emotionalen Abschied von seinen Mitarbeitern und Amtskollegen, strahlt er eine unglaubliche Ruhe aus. Er hat nicht vor, im Abgeordneten-Haus lange zu bleiben Die Sturheit hat ihm 
langfristig in der Politik auch geholfen In den beiden Räumen hinter der Tür mit seinem Namensschild sieht es nach Arbeit aus. Die Papiere stapeln sich, Zeitungen liegen auf dem kleinen Tischchen, die Papierkörbe sind um elf Uhr schon gut gefüllt. Dort stehen ein paar Umzugskartons, die wohl niemand mehr auspacken wird an diesem Ort. Die Regale und der Schreibtisch sind gefüllt mit unterschiedlichen Dingen: Steinmeier-Biografien, ein Globus und zwei Raubtiere hier, eine Maus-Figur in Wandermontur dort, in einer Ecke ein Karton mit einigen Autogrammkarten. Unwahrscheinlich, dass die bis Sonntag noch unters Volk gebracht werden. Denn wenn Steinmeier in diesen Tagen durch die Republik reiste, dann nicht mehr als SPD-Abgeordneter, sondern, um sich als Kandidat für das Bundespräsidentenamt vorzustellen. Steinmeier, bis vor kurzem noch mit geräumigem Büro im Auswärtigen Amt, ist erst vor ein paar Tagen umgezogen in das ganz normale Abgeordneten-Gebäude. Und er hat nicht vor, lange zu bleiben. Fast eine Million Reise-Kilometer als Außenminister zurückgelegt Denn wenn am Sonntag die Bundesversammlung ihn erwartungsgemäß im ersten Anlauf zum Staatsoberhaupt wählt, sind die Tage des 61-Jährigen im Paul-Löbe-Haus gezählt. Amtsübergabe im Schloss Bellevue ist am 19. März. Jetzt aber scheint er erst einmal die Zeit dazwischen zu genießen: „Ja, ich bin jetzt freier und unabhängiger Abgeordneter", strahlt er. Morgens die Zeitungslektüre, abends auch mal ein Krimi: „Der ,Tatort’ gehörte früher zum Ritual, aber während meiner Zeit als Außenminister ist das abhanden gekommen, ich war ja meist unterwegs", erzählt er. Fast eine Million Reise-Kilometer hat er seit 2013 als Außenminister zurückgelegt – ein unglaubliches Pensum. Mutter Ursula Steinmeier, die in seinem Heimatdorf Brakelsiek (Schieder-Schwalenberg) lebt, macht aus ihrer Sorge um die Gesundheit ihres Ältesten keine Hehl. Er schmunzelt: „Ja, das übersteigt die Vorstellungskraft, dieses Reisen durch die Welt, heute hier, morgen da, und wenig Schlaf." "Power-Napping" hat er sich angewöhnt Steinmeier hat sich „Power-Napping" angewöhnt: Kurze Nickerchen „im Flugzeug oder während einer Autofahrt – wenn gerade Zeit ist." Gesundheitlich fühlt sich der 61-Jährige, der seiner Frau Elke Büdenbender 2010 eine Niere spendete, fit. Und als Bundespräsident wird er künftig eher im Inland unterwegs sein – zum Pflichtprogramm gehört der Besuch aller 16 Bundesländer in den ersten eineinhalb Jahren. „Mit dem Blick, der von außen geprägt ist, noch einmal neu auf das Inland zu schauen, das stelle ich mir ganz spannend vor", sagt er. Dass Ostwestfalen-Lippe eine der ersten Ziele des Bundespräsidenten sein wird, ist unwahrscheinlich, stehen doch hier im Mai Landtagswahlen an. Dennoch hält der Brakelsieker, den seine Mutter als „heimattreu" beschreibt, engen Kontakt zu seiner Familie. Mutter Ursula, Bruder Dirk und Schwägerin Sonja Steinmeier werden heute nach Berlin reisen, um bei der Bundesversammlung dabei zu sein. Und privat wird der 61-Jährige weiter so oft wie möglich in die Region kommen. „Meine Heimat bleibt Lippe", sagt er und deutet auf die Umzugskartons. Dort sei der Metall-Hermann verstaut, der im Außenministerium immer auf der Fensterbank gestanden habe. Neben den Äußerlichkeiten sind es auch Charakterzüge, die seine Herkunft verraten: Bodenständigkeit, eine schnörkellose Sprache und auch eine gewisse Sturheit, die Steinmeier an sich erkennt: „Die hat mir über den langen Zeitraum in der Politik auch geholfen." Wohl wahr.

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