Den Schulen fehlen die Schwimmbäder für den Schwimmunterricht. - © picture alliance / ZB
Den Schulen fehlen die Schwimmbäder für den Schwimmunterricht. | © picture alliance / ZB

Bielefeld Den Schulen fehlen die Schwimmbäder

Die Zahl der tödlichen Badeunfälle ist in Deutschland stark gestiegen. Die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft fordert ausreichend Schwimmunterricht an Lehranstalten

Vivien Tharun

Bielefeld. Erstmals seit zehn Jahren haben mehr als 500 Menschen in Deutschland einen Badeunfall nicht überlebt. Das teilt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mit. Von den 537 Opfern verstarben 76 in Nordrhein-Westfalen. Darunter sieben Kinder im Alter zwischen wenigen Monaten und 15 Jahren. Achim Haag, Vizepräsident der DLRG, fordert von Schulen und deren Trägern, „dass der Schwimmunterricht konsequent durchgeführt werden muss". Die Kommunen sollten den Grundschulen einen Zugang zu Bädern ermöglichen. In ländlichen Gegenden fehlt aber häufig eine Badeanstalt in der Nähe. Beispielsweise müssen in Höxter die Grundschüler mit dem Bus in das rund 15 Kilometer entfernte Vörden fahren. „Wenn für den Unterricht weit gefahren werden muss, bleiben für die reine Zeit im Wasser meist nur 15 bis 20 Minuten", sagt Michael Grohe, Pressesprecher der DLRG NRW. „Wenn der Lehrplan dann ein halbes Jahr Schwimmunterricht vorsieht und auch noch Stunden ausfallen, bleibt den Kindern keine Möglichkeit, das Schwimmen sicher zu erlernen." Sicheres Schwimmen Sicher bedeute „Schwimmen auf Freischwimmer-Niveau". Also 200 Meter Strecke in weniger als 15 Minuten und ohne Pause. Laut Schätzungen des Innenministeriums NRW können das rund 20 bis 30 Prozent der Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht – trotz zunehmender Bemühungen von Seiten der Schulen. Andreas Moseke, Pressesprecher des Regierungsbezirk Detmolds, sagt, der Stellenwert des Schwimmunterrichts sei gewachsen. Mehr Personen hätten sich zum Sportlehrer mit Zusatzqualifikation im Bereich Schwimmen weiterbilden lassen: „Zur grundlegenden Sportlehrer-Ausbildung gehört ein Kurs mit 160 Stunden. Der wurde bis jetzt einmal pro Jahr angeboten, „aber in diesem Jahr wird es erstmals zwei Kurse geben." Dazu komme eine Fortbildung speziell für den Schwimmunterricht: „Auch die gab es ursprünglich nur einmal im Jahr. Aufgrund der Nachfrage gab es 2016 diese Zusatzqualifikation sechsmal und für 2017 ist sie viermal geplant." Schwimmen sei nach wie vor ein Pflichtteil des Sportunterrichts – ganz unabhängig von den Fähigkeiten der jeweiligen Schüler. 30 Minuten reine Wasserzeit Gabriele Ortner, Schulaufsicht Grundschulen Kreis Herford und Vorsitzende des Ausschusses für Schulsport, sagt: „Es gibt 30 Wochenstunden Schwimmen in einem Schuljahr. Unser Maßstab dafür sind 30 Minuten reine Wasserzeit." Ziel sei, dass jedes Kind nach der Grundschulzeit schwimmen kann, egal welche Vorkenntnisse es zuvor hatte. Allerdings klappe es nicht immer, dass die Schüler im Becken üben können, denn nur Sportlehrer mit aktueller „Bescheinigung der Rettungsfähigkeit" dürfen den Unterricht geben. Die Bescheinigung der Rettungsfähigkeit muss alle vier Jahre neu gemacht werden. Die DLRG empfiehlt eine Auffrischung der Rettungskenntnisse alle zwei Jahre. Ist nun der Lehrer, der diese Bescheinigung besitzt, krank, muss ein Ersatzunterricht stattfinden. Modellprojekt im Kreis Herford Der Kreis Herford hat ein Modellprojekt entwickelt, bei dem externe Trainer den Schwimmunterricht miterteilen. Dadurch verringerten sich die Unterrichtsausfälle. „Damit haben wir schon gute Erfahrungen gemacht", so Ortner. Das Modellprojekt aus Herford könnte für andere Schulen ein Vorbild sein. Nach Informationen der Neuen Westfälischen gibt es in Bielefeld eine Grundschule, an der seit September der wöchentliche Schwimmunterricht allein in einer Klasse bereits zehnmal ausgefallen ist: Lehrer waren krank, der Bus wurde nicht bestellt, das Schwimmbad hatte geschlossen. Mit Ersatztrainern hätte zumindest ein Teil dieser Ausfälle nicht sein müssen. Die Schließung vieler Hallenbäder in den vergangenen Jahrzehnten habe zudem den Zugang zum Schwimmunterricht erschwert, sagt Achim Wiese, Sprecher des DLRG Bundesverbands. Mit Bussen kämen dann verschiedene Schulen zu ein und dem selben Bad: „Dann müssen sich manchmal mehrere Klassen ein Becken teilen", so Wiese. Dabei seien Badestätten nicht bloß ein Kostenfaktor, sondern eine „Sozial- und Bildungsstätte und ein gesellschaftlicher Treffpunkt".

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