Der Aktionstag „Equal Pay Day" macht auf fehlende berufliche Chancengleichheit aufmerksam. - © AFP
Der Aktionstag „Equal Pay Day" macht auf fehlende berufliche Chancengleichheit aufmerksam. | © AFP

Equal Pay Day In OWL verdienen Frauen satte 31 Prozent weniger als Männer

Start der neuen NW-Themenwoche "Weg zur Lohngerechtigkeit" / Arbeitnehmerinnen verdienen 21 Prozent weniger

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Es gibt Debatten, die kehren im Jahresrhythmus nur an einem bestimmten Tag wieder, obwohl die zugrunde liegenden Probleme den Alltag vieler Menschen bestimmen. So ein Tag ist der Equal Pay Day, der bereits zum zehnten Mal in Deutschland gefeiert wird. Der 18. März markiert in diesem Jahr symbolisch den Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten, während Männer seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden. In Deutschland verdienen Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger. In ländlichen Regionen wie OWL ist die Lohnlücke sogar noch größer, sie liegt bei satten 31 Prozent. Deshalb fordern an diesem Wochenende auch in OWL Politiker, Gewerkschaften, Verbände und andere Organisationen gleiche Bezahlung für Frauen und Männer. Von beruflicher Chancengleichheit sind Frauen demnach noch weit entfernt. Das belegt auch der Vergleich der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste: Frauen verdienten im vergangenen Jahr 16,26 Euro, Männer 20,71 Euro, erklärt ein Sprecher des statistischen Bundesamts. Im Zeitverlauf zeigt sich, dass Frauen bei der Bezahlung aufholen, allerdings im Schneckentempo. Zum Vergleich: 2006 verdienten Frauen 23 Prozent weniger als Männer. Volle Wucht der Ungleichheit zeigt sich bei der Rente Und selbst wenn nur die Gehälter von Männern und Frauen im vergleichbaren Alter, mit ähnlicher Erfahrung und Ausbildung sowie gleicher Tätigkeit beim selben Arbeitgeber miteinander verglichen werden, bleibt ein Unterschied von sieben Prozent. Die volle Wucht der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zeigt sich jedoch erst nach dem Berufsleben. Die Unterschiede bei der Rente sind so groß, dass der Begriff Rentenlücke als Verharmlosung erscheint. Nach Angaben des statistischen Bundesamts erhielt eine Frau im vergangenen Jahr im Schnitt nur 43 Prozent der Altersbezüge eines Mannes. Die Rentenkluft zwischen den Geschlechtern beträgt also 57 Prozent. Die Lohndifferenz ist vor allem strukturell bedingt Diese Kluft ist vor allem auf strukturelle Unterschiede zurückzuführen. Den größten Einfluss haben nach Angaben des statistischen Bundesamts die unterschiedlichen Bewertungen von Branchen und Berufen, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer teilzeit- oder geringfügig beschäftigt, weil sie in der Regel die Kindererziehung und Pflege von Angehörigen übernehmen. „Am meisten befeuern Erwerbsunterbrechungen die Lohnungerechtigkeit", bestätigt Gewerkschaftssekretärin Anke Unger vom Deutschen Gewerkschaftsbund in OWL. Die Konsequenz: 70 Prozent der Rentner, die im Alter auf die Grundsicherung angewiesen sind, sind Frauen. Zum Vergleich: Frauen erhielten im vergangenen Jahr eine Durchschnittsrente von 618,36 Euro pro Monat, Männer 1037,02 Euro, erklärt ein Sprecher des statistischen Bundesamts. Ebenso großen Einfluss auf die Lohnlücke haben die schlechteren Bewertungen von klassischen Frauenberufen und die hohe Frauenquote in geringfügigen oder Teilzeitbeschäftigungen. Vor allem in NRW steigt die Zahl der Teilzeitbeschäftigten seit Jahren kräftig an. Nach Angaben des statistischen Landesamts IT NRW haben 2015 28 Prozent der Erwerbstätigen, insgesamt 2,3 Millionen Arbeitnehmer, nicht Vollzeit gearbeitet. 79,8 Prozent davon sind Frauen. Gewerkschaften fordern die Streichung von Minijobs In ländlichen Regionen wie OWL ist die Situation für viele Frauen noch prekärer. Von den 262.000 Teilzeitbeschäftigten in der Region sind 84,7 Prozent Frauen. In OWL arbeiten also mehr Frauen in Teilzeit (244.000), als in Vollzeit (212.000). Teilzeit ist ein Arbeitsmodell, das vor allem Frauen in Anspruch nehmen, die sie sich mehr Zeit für ihre Kinder oder die Pflege von Angehörigen wünschen. Doch Gewerkschaften kritisieren seit langem, dass der Weg zurück zur Vollbeschäftigung oft verwehrt wird. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in ländlichen Regionen aufgrund weniger und unflexibleren Kinderbetreuungs- und Mobilitätsangeboten schwieriger zu managen als in Städten, erklärt die Sprecherin des deutschen Landfrauenverbands, Astrid Falter. „Auf dem Land ist das traditionelle Rollenbild zudem noch weiter verbreitet, Frauen stecken deshalb häufiger zurück und geben sich mit weniger zufrieden, um alles unter einen Hut zu bekommen." Abhilfe schaffen verbesserte Kinderbetreuungs- und Mobilitätsangebote und flexiblere Arbeitszeitmodelle, insbesondere für Frauen in Führungspositionen, erklärt Falter. „Trotz digitaler Möglichkeiten gilt in den meisten Unternehmen noch immer eine Präsenzkultur. Führen in Teilzeit ist kaum möglich." DGB-Sekretärin Unger fordert zudem die Abschaffung von nicht sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen wie Minijobs und das Rückkehrrecht auf Vollzeitbeschäftigung. Veranstaltungen in OWL In OWL nutzen Gewerkschaften, Gleichstellungsstellen und andere Organisationen den Equal Pay Day (18. März), um auf die Lohnungleichheit aufmerksam zu machen.Löhne: Podiumsdiskussion mit NRW-Arbeitsminister Rainer Schmeltzer (SPD) ab 10 Uhr in der Musikschule (Findeisen-Platz 1). Herford: Ausstellung „Faire Arbeit – fairer Wettbewerb" im Elsbach-Haus (Goebenstraße 3). Bielefeld: Ein Banner mit Porträts von Bielefelderinnen, die sich für gleiche Bezahlung einsetzen, ziert ab 13 Uhr das Rathaus (Niederwall 23). Paderborn: Infostand und Workshop „Gehaltsverhandlungen" für Frauen ab 10 Uhr im historischen Rathaus (Rathausplatz 1).

realisiert durch evolver group