Halle der Namen: Bilder von Opfern der Nationalsozialisten schmücken die Kuppel in Yad Vashem. - © Sepp Spiegl
Halle der Namen: Bilder von Opfern der Nationalsozialisten schmücken die Kuppel in Yad Vashem. | © Sepp Spiegl

Holocaust Memorial Day Erinnerung in Yad Vashem: Schüler aus NRW gedenken in Jerusalem

Jugendliche lernen die Geschichte des Holocaust aus einem anderen Blickwinkel kennen

Florian Pfitzner

Jerusalem. Zwischendurch sollte man es einfach entspannt angehen, lachen, herumalbern, um über den Tag die Wucht der geballten Sinneseindrücke abzufedern. So haben es Philipp, Alpay und Clara diese Woche in Israel gelernt. Überhaupt seien die Gefühlsäußerungen bei ihren Gastgebern gedämpfter gewesen, sagen sie, lockerer als erwartet und „irgendwie ziemlich gefasst" im geschichtlichen Umgang mit der Verfolgung und Vernichtung europäischer Juden. Ihnen dagegen war mulmig. Sie haben sich vor dem Flug gefragt, wie sie den religiösen Gepflogenheiten angemessen begegnen sollen, in welchem Geiste man sie empfängt, die jungen Deutschen im Heiligen Land. Und wie man es ihnen gegenüber mit der Verantwortung hält, mit der Vergangenheitsbewältigung. Zum Glück lief es gleich zu Beginn wie bei einem ganz gewöhnlichen Schüleraustausch: Zunächst einmal hat man sich einander lustige Wörter beigebracht. Philipp, Alpay und Clara gehören zu einer Schülergruppe, die so froh sein kann, zu einer der vier nordrhein-westfälischen Schulen zu zählen, die eine Partnerschaft mit der Gedenkstätte Yad Vashem pflegen. So durften sie sich für eine mehrtägige Bildungsreise nach Jerusalem einschreiben. Einige nach einer Kandidatur, andere auf Vorschlag ihrer Lehrer, alle nach einem anspruchsvollen Auswahlverfahren, in dem sie in Einzelgesprächen ihre Motivation erklären sollten. Entgegengesetzter Blick auf den Holocaust Bislang haben sich die 15- bis 16-jährigen Jungen und Mädchen den NS-Verbrechen aus deutscher Tätersicht angenähert. In Israel hat man einen entgegengesetzten Blick auf den Holocaust. „Sie reden hier nicht nur über Zahlen, sondern über Menschen", sagt Clara und erklärt damit bündig, worin der größte Unterschied zwischen der deutschen und der israelischen Erinnerungskultur liegt. Die Schülerin des Detmolder Grabbe-Gymnasiums sitzt in einem der Gruppenräume des Paulus-Hauses an der historischen Altstadt Jerusalems, einer Pilgerherberge von monumentaler Architektur. Fragerunde zum Ende der Studienfahrt. Mit von der Partie im dreißigköpfigen Stuhlkreis: die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann. Die Grünen-Politikerin, tags zuvor mit einer Delegation aus Düsseldorf angereist, ist der Austausch zwischen deutschen und israelischen Schulen ein großes Anliegen, das vermittelt sie regelmäßig: Der Dialog sei ein „Auftrag für unsere Gesellschaft". Es gelte, gemeinsam Zeichen zu setzen für Frieden, Toleranz und Menschenrechte. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die Verbindung mit der nationalen Identität gehört zu Deutschland wie zu Israel – nur händelt man es völlig verschieden. Das erschließt sich bereits im Eingangsbereich von Yad Vashems „Museum zur Geschichte des Holocaust", diesem knapp zweihundert Meter langen Keil, den sie durch das Bergmassiv getrieben haben. In Israel geht es, solange es die Quellen zulassen, um die Selbstbestimmtheit jüdischen Lebens schon lange vor der Schoah, um Würde und Mündigkeit. Löhrmann nickt, lächelt entgegenkommend, als Claras Schulkamerad Jiannis von dem „Perspektivwechsel" in Yad Vashem erzählt. Es gebe „handfeste Erinnerungen" an die Vernichtung europäischer Juden: da ein Kamm, hier eine Brille – in den Schaukästen liegen persönliche Habseligkeiten der Toten, Gegenstände, die die Geschichten jener erzählen, deren Biografien ausgelöscht werden sollten. „Wir lösen sie aus den Leichenbergen heraus", sagt Noa Mkayton, die durch das Museum führt. Anne Frank und der Glaube an das Gute sind weit weg Mkayton hat vor zwei Jahren das Bündnis mit den Detmoldern vereinbart. Im Betonkeil von Yad Vashem, der wie ein Zeitstrahl angelegt ist, liest sie aus einem Tagebuch vor, in das ein junger Mann im Warschauer Ghetto seine Rachegelüste geschrieben hat, seinen Hass auf die Nazis und – noch schlimmer und niederschmetternder: auf den eigenen Vater, der zu schwach ist, die Essensration gerecht zu teilen. Anne Frank und der tiefe Glaube an das Gute im Menschen sind ziemlich weit weg. Vor ihrer Reise haben die Schüler über Schuldfragen nachgedacht. Natürlich wüssten ihre Gastgeber, „dass wir das nicht mehr sind", sagt Alpay von der Hermann-Leeser-Realschule in Dülmen. Seine Familie lebte zur Zeit des Holocaust ja noch in der Türkei. Arne von der Realschule Sendenhorst habe sich bei seinen Urgroßeltern über den Zweiten Weltkrieg erkundigen wollen. Doch „sie haben lieber geschwiegen". Dabei wäre es in der Tat dringend geboten, über das zu sprechen, was Intoleranz und Ausgrenzung hervorbringen können. Philipp vom Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster sieht sich und seine Generation in einer Verantwortung. „Da gibt es einen Punkt", sagt er, „über den wir nicht mehr drübergehen sollten."

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