Büren/Geseke Nach dem Putsch in der Türkei: Viele Schüler kommen nicht mehr

Weil sie der Gülen-Bewegung zugerechnet werden, leiden die Schulen in Eringerfeld unter den Folgen der politischen Lage am Bosporus. Familien der Schüler werden offenbar unter Druck gesetzt

Karl Finke

Geseke/Büren. Die Folgen des Putschversuchs im Juli in der Türkei haben die Privatschulen in Eringerfeld „kalt erwischt“, so Realschulleiter Helmut Dinse. 70 Schülerinnen und Schüler kündigten – oder kamen nach den Ferien einfach nicht mehr wieder; eine ähnliche Zahl am Gymnasium. Der Grund dafür sei das Etikett „Gülen-Schule“. Der in den USA lebende Iman Fethullah Gülen wird vom türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan für den Umsturzversuch verantwortlich gemacht. Die vor sechs Jahren gegründete Realschule mit Internat hat sich eine bessere Integration von Migranten zum Ziel gesetzt. Zu den verbliebenen 169 Schülern zählen 23 nicht türkisch-stämmige Deutsche, etwa die Hälfte mit russischem Hintergrund, zum Teil Baptisten. Die türkischen Schüler ordnet Schulleiter Dinse konservativen, alevitischen und kurdischen, aber auch säkularen Familien zu. Die meisten leben in der dritten Generation in Deutschland, zählen hier zum Mittelstand und wollen ihren Kindern Bildungschancen öffnen. Das 14-köpfige Kollegium sei in der Mehrheit „nicht muslimisch“. Die Mechanismen der Schüler-Abmeldungen beschreibt der Schulleiter so: Verwandte, Bekannte und Nachbarn hätten nach dem gescheiterten Staatsstreich die Familien „unter Druck gesetzt“. Das erfuhr Dinse in persönlichen Gesprächen. Als Druckmittel wären Absagen an Einkäufe, weniger Aufträge für Handwerker oder auch nur ein persönliches Schneiden eingesetzt worden. Die abgemeldeten und zurückgezogenen Schüler würden jetzt öffentliche Schulen besuchen – teilweise verbunden „mit dem Abstieg“ auf eine Sekundarschule. Die Realschule darf nach Absprache mit der Bezirksregierung Arnsberg das Kollegium bis auf einen Abgang halten – am Gymnasium mussten sieben Pädagogen gehen. Der Schul-Trägerverein Regenbogen Bildungswerkstatt wird laut einer Studie der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik der Gülen-Bewegung zugerechnet – eine Einschätzung, die Realschulleiter Dinse zurückweist: „Es gibt in Deutschland keine Gülen-Schulen – vielleicht in der Türkei.“ Die Realschule Eringerfeld unterrichte nach dem NRW-Lehrplan. Den Schülern werde Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen vermittelt. Mit diesen demokratischen Werten werde sich die einzige verbleibende Realschule im Städtedreieck Büren-Salzkotten-Geseke jetzt auch wehrhaft zeigen. Angelaufen sind die Wahlvorbereitungen für ein Kinder- und Jugendparlament. Jede Klasse der Jahrgangsstufen 5-10 wird vier Abgeordnete wählen. Gemeinsam sollen alle über ein Thema zum Schwerpunkt Nachhaltigkeit für jeweils ein Schulhalbjahr entscheiden – 17 stehen zur Wahl. Das Demokratie-Projekt habe die Bezirksregierung als Schulversuch genehmigt. In den Unterrichtsfächern Praktische Philosophie (an Stelle von Religion) und Sozialwissenschaften werden sich die Schüler in den nächsten Jahren mit den Themen Armut, Gesundheitsversorgung oder Bildung, Klimaschutz, Frieden oder Gerechtigkeit auseinandersetzen. Schulleiter Dinse, der die genannten Fächer auch selbst unterrichtet, wird in den Themen-Blöcken nur als Moderator fungieren. Die Realschüler sollen die Fragestellungen recherchieren und den Projektverlauf auf Wandzeitungen präsentieren. Daraus soll ein elektronisches Lern-Lehrbuch entstehen. Wenn eine Schule ihre Schüler zu mündigen Bürgern erziehen will, ist das aus Sicht des Schulleiters „harte Arbeit“. Die religiöse Gemengelage in Eringerfeld bietet Dinse zufolge ein gutes Übungsfeld. Seine Schützlinge sollen lernen, „Meinungen zu vertreten, ohne dass die in Beschimpfungen ausarten“. Bildung erscheint ihm als das einzig mögliche Instrument: „Wir sind ein zu kleines Licht, um gegen Erdogan zu kämpfen.“ Vom größten Internat zum türkischen Trägerverein Schloss Eringerfeld direkt an der Grenze zum Kreis Paderborn wurde in Regie der Familie Kirchner in den 1960er, 70er und 80er Jahren das größte deutsche Privatinternat mit weit über 1.000 Schülern. Nach der Insolvenz 1987 zog erst wieder von 2000 bis 2005 vorübergehend eine Hochbegabtenschule hier ein. Träger der ab 2006 aufgebauten deutsch-türkischen Schulen ist der Verein Regenbogen Bildungswerkstatt (Paderborn) mit seinem Vorsitzenden Nihat Sevinc (Büren). Im Vorstand ist auch der Paderborner Diplom-Kaufmann Emin Özel, 2007 Schützenkönig in der Paderstadt. Weitere deutsch-türkisches Schulen gibt es in NRW in Wuppertal (Realschule), Köln (Gymnasium und Realschule) sowie Duisburg (Fachoberschule) – alle ohne Internat. Helmut Dinse (Bad Wünnenberg) leitete bis zu seiner Früh-Pensionierung als Oberstudiendirektor die in Deutschland größte evangelische Internatsschule in Dassel (Niedersachsen). In den 1970er Jahren unterrichtete er schon einmal zwei Jahre in Eringerfeld. (fin)

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