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Ethikunterricht | © dpa

Bielefeld/Paderborn Der Religionsunterricht steht in NRW auf dem Prüfstand

Die NRW-Lehrergewerkschaft GEW befürwortet einen verpflichtenden Ethik-Unterricht. Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sehen das kritisch

Nora Pfützenreuter

Bielefeld/Paderborn. Mehr als zwei Drittel der Deutschen sind für eine Abschaffung des Religionsunterrichts an Schulen. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „YouGov" mit 1.048 Teilnehmern. Demnach sprechen sich 69 Prozent der Befragten dafür aus, dass der konfessionelle Religionsunterricht durch einen allgemeinen Werteunterricht ersetzt wird. In Luxemburg ist das zum neuen Schuljahr bereits der Fall. „Hintergrund für das Ergebnis der Umfrage ist die abnehmende konfessionelle Gebundenheit – viele Menschen sind aus der Kirche ausgetreten, lassen ihre Kinder nicht mehr taufen und verstehen daher nicht, wieso ein konfessionsgebundener Religionsunterricht in der Schule stattfinden muss", sagt Dorothea Schäfer, NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Schule habe die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu Solidarität, Friedfertigkeit, Partizipation, Konfliktfähigkeit und weltbürgerlicher Verantwortung zu erziehen, sagt Schäfer. Daher sei ein Unterrichtsfach sinnvoll, an dem alle Schüler unabhängig von ihrem eigenen Religionsbekenntnis teilnehmen müssen. Daneben könne es aber auch konfessionsgebundenen Religionsunterricht geben. „Die Diskussion, die die Umfrage aufmacht, ist relativ theoretisch, denn für die flächendeckende Einführung von Ethikunterricht ist eine Grundgesetzänderung notwendig", sagt Udo Beckmann, NRW-Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Auch in Artikel 7 der NRW-Landesverfassung heißt es: „Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung". „Vor diesem Hintergrund halten auch wir Religionsunterricht für wichtig", sagt Beckmann. Er helfe noch mehr als der Ethikunterricht, die eigene Identität, den eigenen Glauben zu entwickeln, nicht ängstlich auf Anderssein zu reagieren, sondern tolerant zu sein, ohne Angst vor Verlust des Eigenen zu haben. Religionsunterricht erfreue sich einem regen Interesse, sagt Joachim Göbel, Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung des Erzbistums Paderborn. An allen öffentlichen Schulen auf dem Gebiet des Paderborner Erzbistums habe sich die Abmeldung vom katholischen Religionsunterricht in den vergangenen Jahren auf ein sehr niedriges Niveau von durchschnittlich zwei Prozent eingependelt. „Selbst wenn diese Schülerinnen und Schüler mit 14 Jahren religionsmündig werden, melden sich im Schnitt lediglich drei Prozent der Jugendlichen vom Religionsunterricht ab", teilt Göbel mit. Die Online-Community YouGov würde als Austauschforum für bestimmte Nutzer sozialer Netzwerke nur einen kleinen Teil der deutschen Gesellschaft repräsentieren, so Göbel. „Alle Jugendstudien und Erfahrungsrückmeldungen zeigen in eine andere Richtung", sagt Göbel. Die Schülerschaft halte mit einer deutlichen Mehrheit von über 90 Prozent am bekenntnisgebundenen Religionsunterricht fest und ziehe das für NRW eingerichtete Ersatzfach „Praktische Philosophie" nicht vor. Fred Sobiech, Dezernent für Bildung und Erziehung der Evangelischen Kirche von Westfalen, hält ebenfalls am klassischen Modell fest: „Religion gehört zur menschlichen Lebenswirklichkeit in Deutschland – in zunehmender Pluralität." Aus diesem Grund gehöre der Religionsunterricht zum Bildungsauftrag der Schule. Dieser würde Kinder und Jugendliche befähigen, eine eigene Wertehaltung zu entwickeln und sie kritisch zu überprüfen. „Bildung ohne Religion ist wie Wissen ohne Liebe", sagt Sobiech. „Staaten, die in Europa Religion und religiöse Bildungsprozesse im Schulsystem vermeiden, machen keine guten Erfahrungen mit dem friedlichen Zusammenleben der Religionen."

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