Streit um acht oder neun Jahre Gymnasium. - © dpa
Streit um acht oder neun Jahre Gymnasium. | © dpa

Paderborn/Düsseldorf Grüne wehren sich gegen Kritik der Turboabi-Gegner

Die Landtagsabgeordnete Sigrid Beer kritisiert die zunehmende Emotionalisierung des Streits um das achtjährige Gymnasium

Carolin Nieder-Entgelmeier

Paderborn/Düsseldorf. Die parlamentarische Geschäftsführerin der grünen Landtagsfraktion NRW, Sigrid Beer, wehrt sich gegen Vorwürfe der Elterninitiative „G9 jetzt NRW". Der Vorsitzende der Initiative, Marcus Hohenstein, hatte in einem Interview mit der NW erklärt, dass Beer beim runden Tisch zum Thema achtjähriges Gymnasium (G8) von NRW-Schulministern Sylvia Löhrmann gesagt hat: „Zum Glück leben wir in einer repräsentativen Demokratie und nicht in einer Demoskopie. Hier entscheiden immer noch wir und nicht das Volk." Beer erklärt, dass Marcus Hohenstein die Äußerungen in falsche Zusammenhänge stellt und „mir mit dem zweiten Satz erfundene Zitate in den Mund legt. Das ist unverschämt." Hohenstein kritisierte nach dem runden Tisch, dass die Volksinitiative für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) mit mehr als 100.000 Unterschriften an den Politikern abgeperlt ist und sich die Gesprächspartner aus der Politik als Elite von der Bevölkerung abgekapselt haben. Beer hält Hohensteins Behauptung für unseriös und gefährlich. „Solche Unterstellungen konterkarieren unsere Anstrengungen für die Schüler und eine sachliche Debatte. Sie befeuern vielmehr populistische Parolen", sagt die bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag. Der Austausch mit G9-Initiativen, Schülern, Eltern und Lehrern sei ein Grundpfeiler ihrer politischen Arbeit, so Beer. Weitere Kritik äußert die Paderbornerin an der Emotionalisierung des Themas. Volksbegehren während des Wahlkampfs Die Elterninitiative plant vor der NRW-Landtagswahl 2017 ein Volksbegehren gegen das sogenannte Turboabitur. Der neugegründete Verein „Mehr Zeit für Kindheit und Jugend" wird nach Angaben von Hohenstein passend zum Wahlkampf im Frühjahr 2017 das Volksbegehren durchführen. „Volksinitiativen und Volksbegehren sind wichtige demokratische Instrumente. Dafür haben wir Grünen immer gestritten. Deshalb sind Falschbehauptungen, die Parlamentarier gegen das Volk schieben wollen, besonders perfide", moniert Beer. Die Landtagsabgeordnete stimmt mit Hohenstein darin überein, dass immer mehr Kinder und Jugendliche psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. „Leider müssen wir feststellen, dass die psychischen Belastungen schon in der Grundschulzeit auftreten. Leistungserwartungen an Kinder und Jugendliche werden zunehmend durch die gesellschaftlichen Ansprüche bedingt", sagt Beer. Deshalb reiche die pauschale Kritik am G8 nicht aus. „Vielmehr benötigen wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, um den Druck auf Kinder und Jugendliche zu verringern." Emotionale Debatte um Vor- und Nachteiel von G8 Die Emotionalisierung des Streits um G8 und G9 führe dazu, dass die Maßnahmen zur Verbesserung der Situationen an den Schulen, die am runden Tisch beschlossen wurden, völlig aus dem Fokus geraten, sagt Beer. „Es steht außer Frage, dass bei der überhasteten G8-Einführung durch CDU und FDP viele Fehler gemacht wurden, doch Verbesserungen, wie mehr Freizeit für Schüler, sind bereits in der Umsetzung." So dürfen Schüler der fünften, sechsten und siebten Jahrgangsstufe an Schulen ohne Ganztagsbindung nur einmal in der Woche auch nachmittags Unterricht haben. In achten und neunten Klassen gilt das an zwei Tagen. „Zudem wird daran gearbeitet, dass Schüler, die sich künstlerisch, sportlich oder in anderen Bereichen engagieren, mehr Zeit und Anerkennung für ihr Engagement erhalten", erklärt Beer. Diese Verbesserungen gelten bereits seit Beginn des laufenden Schuljahres, sagt Beer. „Die Maßnahmen sind wichtig und dürfen nicht außer Acht gelassen werden, denn selbst bei einer Rückkehr zum G9, gibt es Schüler, die bereits auf dem achtjährigen Weg zum Abitur sind." Die schlichte Rückkehr zum G9 wie in Hessen oder Niedersachsen habe keine Ruhe in die Schulen gebracht, sagt Beer. „Eine erneute Umstellung würde alle Beteiligten wieder neu fordern."

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