In acht oder neun Jahren zum Abitur? In NRW tobt ein heftiger Streit um das sogenannte Turboabitur, das 2005 eingeführt wurde. - © dpa
In acht oder neun Jahren zum Abitur? In NRW tobt ein heftiger Streit um das sogenannte Turboabitur, das 2005 eingeführt wurde. | © dpa

Bielefeld Chef der Elterninitiative gegen G8: "Das Turboabi hat katastrophale Folgen"

Marcus Hohenstein spricht über den Kampf um Wahlfreiheit und Politiker, die 100.000 Stimmen einer Volksinitiative ignorieren

Carolin Nieder-Entgelmeier

Herr Hohenstein, warum hat das Turboabitur so einen katastrophalen Ruf? Marcus Hohenstein: Weil das achtjährige Gymnasium (G8) katastrophale Auswirkungen hat. Es gibt drei besonders gravierende Folgen. Erstens müssen Kinder bis vier Uhr unterrichtet werden, was dazu führt, dass Freizeitaktivitäten kaum noch ausgeübt werden können, worunter vor allem Vereine leiden. Zweitens gibt es Abiturienten, die nicht volljährig und damit auch nicht geschäftsfähig sind. Viele wissen zudem nicht, was sie nach der Schule machen sollen. Drittens sinkt die Bildungsqualität. Hochschulen und Unternehmen beklagen, dass Abiturienten nicht mehr über eine ausreichende Studier- beziehungsweise Ausbildungsfähigkeit verfügen. Warum kämpfen Sie gegen das Turboabitur? Hohenstein: Ich bin Gymnasiallehrer und Vater einer Tochter, die ein Gymnasium besucht. Ich kenne beide Perspektiven und erlebe, wie die Leistungen der Schüler abfallen und wie sich ihre Lebensgestaltung verändert. Ich sehe, wie meine Tochter inhaltlich massiv unterfordert ist, weil das Lernniveau so niedrig geworden ist. Es gibt zwar mehr Unterrichtsstunden, aber weniger Inhalt. Zudem haben Schüler kaum Möglichkeiten, Erlerntes zu verarbeiten. Was ist ihr größter Kritikpunkt? Hohenstein: Mich regt persönlich am meisten auf, dass immer mehr Oberstufenschüler in psychiatrischer Behandlung sind, weil ihr Leben nur noch aus Schule besteht. Das ist ein Verbrechen. Können Sie dem Turboabitur auch irgendetwas Positives abgewinnen? Hohenstein: Nein. Die Idee, man könnte die Unterrichtsstundenzahl, die in neun Jahren unterrichtet wurde, auch in acht Jahren unterrichten, indem man Stunden von Hauptfächern wie Deutsch, Mathe und Englisch streicht und durch zusätzliche Kurse in der Oberstufe ersetzt, hat nichts Sinnvolles. Studien zeigen aber, dass G8-Abiturienten in den Fächern Mathe und Englisch besser abschneiden als G9-Abiturienten. Hohenstein: Bei Studien muss man sehr genau hinschauen, welche Interessen vertreten werden. Pauschale Aussagen über besseres Abschneiden können nie das Ergebnis einer methodenkritischen Studie sein. Kritik aus der Wirtschaft und aus der Hochschullandschaft belegen das sinkende Bildungsniveau. Ihre Initiative kämpft für eine Rückkehr zum G9. Die Landesregierung rückt jedoch nicht vom G8 ab. Welche Chancen rechnen Sie sich aus? Hohenstein: 2014 und 2015 haben wir für eine Volksinitiative mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt und dem Landtag vorgelegt. Diese Initiative ist an den Politikern jedoch abgeperlt. Bezeichnend dafür, dass sich die Politik-Elite von der Bevölkerung abgekapselt hat, ist das Zitat der schulpolitischen Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, Sigrid Beer, bei einem runden Tisch von NRW-Schulministern Sylvia Löhrmann. Beer sagte: "Zum Glück leben wir in einer repräsentativen Demokratie und nicht in einer Demoskopie. Hier entscheiden immer noch wir und nicht das Volk." Doch 2017 werden wir passend zum Wahlkampf zur Landtagswahl ein Volksbegehren organisieren und Unterschriften sammeln. Die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW hat von den Mitgliedern des Verbands das eindeutige Mandat erhalten, sich für eine Rückkehr zum G9 einzusetzen. Wie sehen die nächsten Schritte aus? Hohenstein: Es laufen viele Gespräche zum künftigen Volksbegehren mit Politikern. Die Elterninitiative hat den Verein "Mehr Zeit für Kindheit und Jugend" gegründet, der die Aufgabe hat, die Finanzierung des Volksbegehrens durchzuführen. Das ist ein langwieriger Prozess, doch wenn der Verein so weit ist, werden wir offensiv Spenden einsammeln, um für eine Rückkehr zum G9 zu werben. In Niedersachsen, Hessen und Bayern gab es ähnliche Debatten um das Turboabitur. Hohenstein: In Bayern haben 80 Gymnasien ein freiwilliges Zusatzjahr eingeführt. Derzeit wird über eine landesweite Einführung nachgedacht, weil der Zulauf enorm ist. In Hessen ist vor drei Jahren die Wahlfreiheit für alle Schulen eingeführt worden. Das hat dazu geführt, dass es landesweit nur noch 20 Schulen gibt, die das G8 anbieten. In Niedersachsen sind wieder alle Gymnasien auf neun Jahre umgestellt worden. Welcher Weg ist für NRW am besten? Hohenstein: Alle Modelle führen zum Ziel. Eltern und Kinder haben die Wahlfreiheit. In Hessen herrscht jedoch ein Konkurrenzkamp unter den Schulen, weil es durch die Wahlfreiheit deutliche Schülerverschiebungen gibt. So hatten vierzügige Gymnasien nur noch zweizügige Anmeldezahlen. Diesen Konkurrenzkampf wollen viele Gymnasialleiter in NRW nicht haben. Dementsprechend ist vielen ein reibungsloser Übergang, so wie in Niedersachsen, lieber. Für uns als Elterninitiative ist es jedoch egal, auf welchem Weg wir die Wahlfreiheit bekommen. Halten Sie das Gymnasium für die geeignete Schulform für die G8-Umsetzung? Hohenstein: Nur NRW hat Gesamtschulen von dem Modell ausgenommen. In Niedersachsen wurde G8 an Gymnasien und Gesamtschulen eingeführt. An den Gesamtschulen aber nach fünf Jahren wieder abgeschafft. NRW hat das G8 an Gesamtschulen nie eingeführt, weil das offensichtlich in der Politik schon immer ein Gespür dafür gab, dass das Modell bei Eltern unbeliebt ist und es ein großes Interesse daran gibt, mit Hilfe des G8 Schülerströme in Richtung Gesamtschulen zu lenken. Für Eltern, die sich das G9 wünschen, sind Gesamtschulen jedoch keine Alternative, weil Gesamtschulen gebundene Ganztagsschulen sind. Das Ziel, Kindern mehr Lebenszeit außerhalb von Schule zu ermöglichen, ist dort nicht umsetzbar. Würde eine Rückkehr nicht für zusätzliche Belastungen sorgen? Hohenstein: In Hessen und Niedersachsen hat die Umstellung ohne große Belastungen funktioniert. Schulleiter in Hessen haben öffentlich erklärt, dass die eigenständige Umstellung innerhalb eines Monats funktionieren kann. In vielen Fällen haben Lehrer die G8-Unterrichtsmaterialien einfach weiter genutzt, sie hatten allerdings wieder mehr Zeit, um das Erlernte mit Übungsaufgaben auch zu vertiefen.

realisiert durch evolver group