Der Zeuge Jakob Wendel beim Betreten des Gerichtssaals. - © Bernhard Preuss
Der Zeuge Jakob Wendel beim Betreten des Gerichtssaals. | © Bernhard Preuss

Detmold Ex-SS-Mann beim Auschwitz-Prozess: "Man wusste, was da läuft"

Verteidiger schlägt Ortstermin vor

Detmold. Nach zweistündiger Verhandlung und zwei zehnminütigen Unterbrechungen ist der sechste Prozesstag gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning zu Ende gegangen. Der 92-jährige Zeuge Jakob Wendel, der als SS-Sturmmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Einsatz war, hätte gern noch länger ausgesagt und sich von der Verteidigung befragen lassen, aber der Gesundheitszustand des 94-jährigen Angeklagten ließ eine Verlängerung des Verhandlungstages nicht zu.

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Das erklärte der Sachverständige, Bernd Meißnest, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie am LWL-Klinikum in Gütersloh, dem Gericht. Deshalb wird der Zeuge am nächsten Freitag wohl wieder die für ihn strapaziöse Reise von Karlsruhe nach Detmold antreten müssen, damit seine Befragung vor der Schwurgerichtskammer des Detmolder Landgerichts fortgesetzt werden kann.

Information

So geht's weiter

  • Der Prozess wird am Freitag (18. März) im Saal der Industrie- und Handelskammer zu Detmold fortgesetzt.
  • Zu Wort kommen wird dann weiter der Zeuge Jakob Wendel.
  • Auch der Ermittler des Landeskriminalamtes Düsseldorf, Stefan Willms, soll aussagen.

Dem 94-jährigen Angeklagten aus Lage wird vorgeworfen, Beihilfe bei der Ermordung von mindestens 170.000 Menschen im Vernichtungslager Auschwitz geleistet zu haben. Zu Prozessbeginn kritisierte Rechtsanwalt Markus Goldbach, der die Nebenklägerin Eva Kor vertritt, dass sich der Angeklagte darüber beschwert hat, dass ihn die Zeugin Angela Orosz Richt-Bein direkt anspricht. Goldbach machte deutlich, dass die Zeugin das Recht habe, ihn anzusprechen und sagte: „Wenn der Angeklagte meint, hier zu unrecht zu sitzen, muss er sich möglichst schnell erklären." Hannings Anwalt Johannes Salmen aus Lage entgegnete, dass Nebenkläger Fragen nur über ihre Anwälte stellen dürfen.

Dann schilderte Jakob Wendel, der bereits 1948 wegen seiner Tätigkeit als SS-Wachmann von einem polnischen Gericht zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden war, seine Erlebnisse. Wendel, der im Oktober 1942 als 19-Jähriger nach Auschwitz kam, erklärte der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda die Routineaufgaben der Wachmannschaften und den wöchentlichen Wechsel zwischen Tag- und Nachtdiensten in der großen Postenkette und auf den Wachtürmen.

Auf Gruddas Nachfrage, ob er in Auschwitz-Birkenau die Schreie der Deportierten in den Gaskammern gehört habe, antwortete Wendel: „Ich dachte, die gehen zum Duschen. Dann habe ich die Schreie der Menschen gehört, die keine Luft mehr bekamen." Zudem habe er gesehen, wie die Leichen der Getöteten mit Loren hin- und hergefahren wurden. „Wenn man zwei Jahre in Auschwitz war, wusste man doch, was da läuft", sagte er weiter. Dann erzählte er von mageren Gefangenen und dass es „kein Krankenhaus in Birkenau gab".

Wer von den Deportierten länger als drei Tage krank war, wurde ins Krematorium gebracht, berichtete der ehemalige SS-Sturmmann dem Gericht zu den Lebensverhältnissen im Lager.

"Keiner ist herausgekommen"

Gegenüber Thomas Walther, dem Anwalt einiger Nebenkläger, bestätigte Wendel seine frühere Aussage, dass er an der Gaskammer einen VW mit Anhänger gesehen habe, aus dem zwei SS-Männer stiegen und etwas von oben in die Gaskammer geworfen haben. Ob die SS-Männer dabei Gasmasken getragen haben, konnte Wendel nicht bestätigen. „Viele sind hereingegangen, keiner ist herausgekommen", erklärte Wendel und zeigte auf einer Luftaufnahme der US-Amerikaner vom 23. August 1944, auf Wachtürme und Baracken der SS-Wachmannschaften im Lager Auschwitz-Birkenau.

Reinhold Hannings Verteidiger Johannes Salmen brachte anschließend einen Ortstermin in Auschwitz ins Gespräch. „Das Gericht sollte sich Gedanken machen, ob dieser Termin nicht sinnvoll wäre." Eine Entscheidung traf das Gericht an diesem Prozesstag jedoch noch nicht.

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