Kämpferisch: Angela Webster war beim Betreten des Paderborner Arbeitsgerichts guten Mutes – zu Recht. - © Marc Köppelmann
Kämpferisch: Angela Webster war beim Betreten des Paderborner Arbeitsgerichts guten Mutes – zu Recht. | © Marc Köppelmann

Paderborn Kassiererin siegt vor Gericht: Discounter muss 43-Jährige weiter beschäftigen

Kunde beschwerte sich über Bonbonlutschen

Jutta Steinmetz

Paderborn. Angela Webster ist eine zarte Person mit einer fröhlichen Ausstrahlung. Und an einem mangelt es der Paderbornerin gleichfalls nicht: an Kampfgeist. Dass sie ihren Platz an der Kasse eines Supermarkts dauerhaft räumen soll, nachdem sie ein Kunde des rufschädigenden Verhaltens bezichtigt hatte, das will sich die 43-Jährige nicht gefallen lassen. Sie zog vor Gericht – und hatte Erfolg. Ende Juni 2015 war in der Chefetage des Supermarktes eine E-Mail eingegangen, in der sich ein Kunde darüber beschwerte, dass Angela Webster während ihrer Arbeit an der Kasse Bonbons gelutscht und mit einem anderen Kunden negativ über ihren Arbeitgeber gesprochen habe. Und dann sei ihr auch noch das Bonbon aus dem Mund auf seine Ware gefallen, berichtete der Verfasser. Das sei eklig, und eine solche Szene wolle er nicht noch mal erleben. Die Leitung des Discounters reagierte sofort und kündigte Angela Webster, die alle Vorwürfe weit von sich wies, fristlos – zu Unrecht, wie die 2. Kammer des Arbeitsgerichts Paderborn am Nachmittag bekannt gab. "Arbeitgeber informierte den Betriebsrat falsch" Dass das Gericht das Vorgehen der Supermarktkette für nicht rechtens hält, daraus hat der Vorsitzende Richter Timo Mohr schon während der Verhandlung keinen Hehl gemacht. Der Betriebsrat, der Kündigungen jedweder Art zustimmen muss, sei von der Arbeitgeberin „mit eindeutig falschen Informationen unterrichtet worden", prangerte er an. Der Arbeitnehmervertretung sei nämlich mitgeteilt worden, dass sich in der Personalakte von Angela Webster seit März 2014 eine Abmahnung befände, die gleichfalls auf rufschädigendem Verhalten basiere, führte der Richter aus. Dabei sei diese nach klärenden Gesprächen bereits im April 2014 entfernt worden und damit gar nicht mehr existent. In Unwissenheit über diese Tatsache habe der Betriebsrat aber der Kündigung zugestimmt. Schwer wog der 2. Kammer zudem die Tatsache, dass die Leitung des Discounters niemals den Namen des Kunden preisgab, der die Beschwerde verfasst hatte – obschon Siegfried Schuster, der als Rechtsschutzsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes Angela Websters Interessen vertritt, dieses immer wieder anmahnte. „E-Mails kann jeder abschicken", sagte Richter Mohr. „Sie sind kein Beweis." Dass sie bei ihrer Rückkehr in die Filiale auf vergiftete Stimmung treffen könnte, schreckt Angela Webster nicht ab. Genau dort im Herzen der Stadt hatte sie nämlich 2009 einen Arbeitsunfall. Seitdem ist ihre Gesundheit beeinträchtig und sie gilt als schwerbehindert. „Die haben mir gegenüber eine soziale Pflicht", sagt sie. Und dazu gehöre, dass sie weiter an ihrem alten Arbeitsplatz ihre Brötchen verdienen kann – zumal dieser nur wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt liegt und für sie trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigung gut zu erreichen ist.  (Az.: 2 Ca 1217/15)

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