Überzeugt vom Inklusionsgedanken: Birgit Lütje-Klose. - © Elena Gunkel
Überzeugt vom Inklusionsgedanken: Birgit Lütje-Klose. | © Elena Gunkel

Bielefeld Bielefelder Professorin spricht im Interview über Kinder mit Förderbedarf

Birgit Lütje-Klose erklärt, welchen Herausforderungen sich Schulen künftig stellen müssen

Bielefeld. Birgit Lütje-Klose, Professorin für Sonderpädagogik an der Universität Bielefeld, spricht im Interview über die steigende Zahl der Kinder mit Förderbedarf, gemeinsames Lernen und die Zukunft der Förderschulen.

Frau Lütje-Klose, nach aktuellen Statistiken ist die Anzahl der Kinder mit Förderbedarf in OWL in den vergangenen Jahren wesentlich gestiegen. Können Sie das bestätigen?
Birgit Lütje-Klose: Diese Tendenz gilt nicht nur für unsere Region, sondern insgesamt für NRW. Gerade in Bielefeld gibt es viele Kinder mit Förderbedarf, denn wir haben für sie hier durch die speziellen Förderschulen unter anderem in Bethel eine ganze Reihe Angebote auch in Bezug auf die Förderschwerpunkte der körperlich-motorischen und geistigen Entwicklung, Sehen und Hören. Aber man sieht auch insgesamt, dass der Anteil der Kinder mit einem festgestellten Förderbedarf deutlich angestiegen ist und sich der Fokus der Förderung in den vergangenen Jahren verschoben hat.

Nämlich?
Lütje-Klose: Der Förderschwerpunkt Lernen war in der Vergangenheit am meisten verbreitet und betrifft auch aktuell noch die deutlich meisten Schüler, für die ein sonderpädagogischer Förderbedarf insgesamt festgestellt wird, nämlich bundesweit 38 Prozent. Im Vergleich zu früheren Jahren ist der Förderschwerpunkt Lernen etwas geringer vertreten als früher, dafür haben die Förderschwerpunkte emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache an Bedeutung gewonnen.

Lässt sich die steigende Zahl der Kinder mit Förderbedarf dadurch erklären, dass sie heute oft bereits im Kindergartenalter identifiziert werden?
Lütje-Klose: Das kann gut sein. Das Inklusionsthema trägt dazu bei, dass das Augenmerk der Eltern, der Lehrer und der Mediziner heute viel stärker defizitgerichtet ist. Es wird viel stärker darauf geschaut, was die Kinder noch nicht können. Das bringt gewisse Risiken mit sich, zum Beispiel, dass die Kinder von vornherein keine Chance haben, mehr Zeit für ihre Entwicklung zu bekommen, sondern frühzeitig als förderbedürftig klassifiziert werden. Aktuell versucht das Land, gegen den Trend zu steuern, den Förderbedarf bei den Kindern sehr früh festzustellen.

Information
Birgit Lütje-Klose

Ende der 1990er- Jahre war Birgit Lütje-Klose am Aufbau der sonderpädagogischen Grundversorgung in Niedersachsen beteiligt. Seit 2007 ist sie Professorin für Sonderpädagogik in Bielefeld, seit 2012 Studiendekanin der Fakultät für Erziehungswissenschaft.

Was wurde konkret dagegen unternommen?
Lütje-Klose: Nach dem aktuellen Schulrechtsänderungsgesetz von 2013 kann für die sogenannten Lern- und Entwicklungsbeeinträchtigungen beispielsweise nicht mehr die Feststellung des Förderbedarfs schon vor der Einschulung oder in den ersten zwei Schuljahren erfolgen. Das betrifft vor allem den großen Förderschwerpunkt Lernen. Die Ergebnisse dieser Neuregelung wurden zwar noch nicht in der Statistik erfasst, doch die Lehrkräfte vor Ort haben sie bereits zu spüren bekommen. Sie können die Kinder nicht mehr vor der Einschulung oder im ersten Schuljahr klassifizieren und keine Überweisung zur Förderschule beantragen. Auf der anderen Seite bekommen sie aber ohne die Zuweisung von Förderbedarf nur begrenzt zusätzliche Ressourcen für betroffene Kinder, und das erzeugt ein Dilemma, solange die vom Land angestrebte pauschale Versorgung aller Schulen mit sonderpädagogischen Lehrkräften noch nicht überall angekommen ist.

Skeptiker befürchten, dass beim gemeinsamen Lernen die Lernstandards für die ganze Klasse heruntergesetzt werden.
Lütje-Klose: Im inklusiven Unterricht soll ja dem Prinzip nach jedes Kind individuell nach seinen Möglichkeiten gefördert werden. Davon profitieren gerade leistungsstarke Kinder, weil sie auf diese Weise nicht ausgebremst werden. Das Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens, das in vielen Grundschulen umgesetzt wird, sieht wiederum vor, dass wir heterogene Lerngruppen aus den Kindern verschiedenen Alters und mit verschiedenen Kompetenzen zusammenstellen, damit sie erfolgreich voneinander lernen. Das funktioniert überhaupt nicht, wenn ich mit den gleichen Standards an die Kinder herantrete.

Reichen die Personalkapazitäten der Schulen aus?
Lütje-Klose: Vieles hängt von der Sachlage vor Ort ab. Das Schulgesetz sieht vor, dass an jeder Schule sonderpädagogische Lehrkräfte vorhanden sind und sie zum Teil in Doppelbesetzung mit regulären Lernkräften arbeiten. Das Konzept heißt Teamteaching und ist an vielen Schulen zunehmend ein Thema.

Und wie sieht es an den Hochschulen aus, die angehende Lehrer ausbilden?
Lütje-Klose: Die Studierenden sollten darauf vorbereitet werden, dass Kooperation einen großen Stellenwert gewinnt. Im Studiengang der integrierten Sonderpädagogik bieten wir hier in Bielefeld bereits seit 2003 ein besonderes Modell mit Doppelabschluss an: für das Grund-, Haupt- und Realschullehramt und die integrierte Sonderpädagogik. Ein ähnliches Modell gibt es in Bremen. Auch Berlin hat vor kurzem sein Ausbildungsgesetz entsprechend geändert. Doch Bielefeld war in dieser Hinsicht ein absoluter Vorreiter.

Die Zielsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die Deutschland 2009 unterschrieben hat, war, dass bis zu 85 Prozent der Kinder auf Förderschulen künftig eine normale Regelschule besuchen. Ist das realistisch?
Lütje-Klose: Seit einem Jahr dürfen die Eltern der Kinder, bei denen ein Förderbedarf festgestellt wurde, im ersten und im fünften Schuljahr entscheiden, welche Schule das Kind besuchen soll. Früher hat das allein die Schulbehörde entschieden. Dabei galt zwar schon seit Jahren, dass integrative Regelschulen den Vorrang vor den Förderschulen haben sollten, doch das wurde lange Zeit nicht in der Breite umgesetzt, sodass auch heute noch der größte Teil der Kinder mit Förderbedarf an Förderschulen unterrichtet wird. Seitdem die Eltern das Wahlrecht haben, haben wir hingegen den Trend, dass sie sich immer öfter für eine Regelschule entscheiden.

Werden die Förderschulen früher oder später komplett verschwinden?
Lütje-Klose: Das halte ich für unwahrscheinlich, zumindest solange wir ein Elternwahlrecht haben. Denn es wird immer Eltern geben, die sich eine für ihre Kinder wünschen. Darüber hinaus ist der Bedarf an bestimmten Förderschulen wie zum Beispiel mit dem Schwerpunkt Sprache heute besonders hoch und steigt eher an, als dass er sinkt.

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