Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt zu 60 Jahre Deutscher Presserat. Das Selbstkontrollorgan für die gedruckten Medien in Deutschland wurde am 20. November 1956 in Bonn gegründet. - © Maurizio Gambarini/dpa
Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt zu 60 Jahre Deutscher Presserat. Das Selbstkontrollorgan für die gedruckten Medien in Deutschland wurde am 20. November 1956 in Bonn gegründet. | © Maurizio Gambarini/dpa

Berlin Gauck kritisiert „maßlose Wut“ auf Medien - Deutscher Presserat feiert 60-jähriges Bestehen

Politiker fordern deutsche Journalisten zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit ihrem Berufsethos auf

Berlin (epd). Schutz vor den „Lügepresse"-Rufern, Appell zu mehr Selbstreflexion: Zum 60-jährigen Bestehen des Deutschen Presserats haben ranghohe Politiker die deutschen Journalisten zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit ihrem Berufsethos aufgefordert. Journalisten müssten genau hinschauen, sagte Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt zum Jubiläum des Selbstkontrollgremiums am Donnerstag in Berlin. Gleichzeitig verteidigte er die klassischen Medien vor dem Vorwurf, absichtlich falsch zu berichten. „Die maßlose Wut, ja der Hass auf die Medien erschrecken uns", sagte er. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) forderte die Medien auf, mehr Orientierung zu bieten.

Der Bundespräsident sagte, Verstöße gegen das Sorgfaltsprinzip kämen in den Medien vor. Doch wer behaupte, eine fehlerhafte Berichterstattung sei die Regel, der habe vermutlich weniger die Wahrung der Sorgfaltspflicht im Sinn als vielmehr die Bestätigung seiner Überzeugung. Beim Begriff „Lügenpresse" gehe es nicht um Diskussion, sondern um Denunziation, sagte Gauck. De Maizière forderte dazu auf, den Begriff nicht in den eigenen Sprachgebrauch zu übernehmen. Journalisten könnten hier mehr Selbstbewusstsein haben.

Gauck warnte zudem vor der eigenen Dynamik in sozialen Netzwerken im Internet. Wer sie nutze, wähle aus, was er wahrnehmen wolle. Schließlich entstünden Echoräume, „in denen Einzelne oder Gruppen sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnen", warnte Gauck. Die klassischen Medien kämen aus dem Dilemma, Überbringer auch von unerwünschten Nachrichten zu sein, aber nicht heraus. Gauck ermunterte Journalisten, möglichst sensibel und fair zu berichten und sich permanent selbst zu überprüfen. Wenn sie weiter ihre Arbeit mit Verstand, Scharfsinn, Offenheit und Vorurteilslosigkeit machten, sicherten sie das Überleben der seriösen Medien gegen die Konkurrenz digitaler Stammtische.

De Maizière empfahl den Medien, gerade in einer unübersichtlich werdenden Welt mehr Orientierung zu geben und einzuordnen. Man müsse „weg von der Häppcheninformation", sagte er. Zusammenfassungen in wenigen Sätzen könne er auch bei Twitter haben. Es brauche mehr Zeit, Geduld und Dialog.

Der Sprecher des Deutschen Presserats, Manfred Protze, warnte die Redaktionen davor, von ethischen Grundsätzen abzurücken. „Wer nachgibt, behält den Makel", sagte Protze. Den Vorwurf „Lügenpresse" bezeichnete er als „flächendeckende Diskreditierung, deren einziges Ziel es ist, Medien in ihrer Gesamtheit abzuwerten und sich selbst dadurch aufzuwerten".

Der Journalist Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung" sagte, er sehe in der derzeitigen Vertrauenskrise die Chance, besser zu werden. Er mahnte insbesondere an, aus Respekt, Verpflichtung und Liebe zum Beruf mit Fehlern offener umzugehen, weil die Menschen ohnehin wüssten, dass diese Fehler passieren. Wenn dies nicht gelänge, „dann sind wir hier so ein bisschen wie beim evangelischen Kirchentag und sagen, wie man es eigentlich machen müsste und dann lassen wir es hinterher", sagte Mascolo.

Der Deutsche Presserat ist das einzige Gremium zur freiwilligen Selbstkontrolle von Online- und Printmedien. Im Pressekodex formuliert er ethische Richtlinien für die Arbeit von Journalisten, etwa für die Recherche, zum Schutz von Persönlichkeitsrechten und zur Vermeidung von Diskriminierung. Jeder Mediennutzer kann sich beim Presserat über aktuelle Berichterstattung beschweren. Im vergangenen Jahr gingen 2.358 Beschwerden ein.

Der Presserat kann bei Verstößen gegen den Pressekodex Sanktionen wie Hinweise, Missbilligungen oder Rügen aussprechen. Im Jahr 2015 griff er 35 Mal zur härtesten Strafe, der öffentlichen Rüge.

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