Stellvertretender Chefredakteur der NW.
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Kommentar Sachlich, aber hart bleiben

Zyperns Absturz

Verhaltensforscher wissen es längst: Die überwiegende Mehrheit aller von Menschen getroffenen Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus, also entsprechend den Emotionen gefällt. Nur ein kleiner Teil basiert wirklich auf rationalen, vernünftigen Erwägungen. Dabei halten sich die Menschen häufig für ausschließlich vernunftgesteuert. Ein Irrtum.

Was im Kleinen gilt, beim Kauf eines Schokoriegels oder eines Staubsaugers zum Beispiel, ist im Großen nicht viel anders: In der Zypern-Krise sind mehr Emotionen im Spiel als sachliches Abwägen. Im zyprischen Parlament war in dieser Woche viel von "Ehre" zu hören. Und, dass man lieber untergehe, als vor Europa zu Kreuze zu kriechen. Das hat mit Vernunft gar nichts mehr zu tun. Denn die Folgen dieser Entscheidung – sollte sie denn Bestand haben – führt zum Totalverlust von Guthaben, von denen die EU lediglich knapp sieben bzw. knapp zehn Prozent gefordert hatte. Jeder vernünftig handelnde Mensch gäbe lieber zehn Prozent seines Vermögens ab als hundert. Auf Zypern ist die Stimmung aber so aufgeheizt, dass dieses vernünftige Argument gar nicht mehr gehört wird.

Kein Wunder, dass auch in den Geberländern die Wut wächst, nicht die Vernunft. Denn längst werden deutsche Sparer und Steuerzahler auch direkt für die Hilfsaktionen zu Gunsten Griechenlands und Spaniens herangezogen. Es wird nur nicht ausdrücklich so genannt. Der extrem niedrige Zinssatz auf Guthaben in Deutschland bei höherer Inflation nagt an den Vermögen im Lande.

Natürlich geht es den Zyprern, die vor geschlossenen Banken stehen, die nicht mehr an ihr Geld kommen, schlechter als den deutschen Sparern. Aber warum soll der deutsche, österreichische, finnische und niederländische Sparer die Zeche der Zyprer zahlen, wenn die sich nicht mal angemessen beteiligen wollen? Und die sogar russische und britische Großanleger schonen wollen?

Der Vorschlag, nun auch die zyprischen Rentenkassen hinzuzuziehen ist indes nur noch dreist. Statt der wohlhabenden ausländischen Geldanleger in Zypern (was der EU-Plan war) werden die kleinen Rentner der Insel zur Kasse gebeten. Spätestens dieser Vorschlag ist der Beweis, dass die Mittelmeerinsel von einer korrupten, geldgierigen Elite beherrscht wird, die nicht zu Europa gehört. Dieses Zypern braucht Europa nicht. Zypern ist nicht "to big to fail". Eine Pleite Zyperns risse Europa nicht in den Abgrund.

Es wäre vielleicht sogar ein heilsames Erschrecken. So wie die Lehman-Brothers-Pleite 2008 deutlich gemacht hat, dass es in der Finanzwelt so nicht weitergehen kann. Ein krachendes Ende des zyprischen Bankensystems, das seit Jahren auf Kosten Europas lebt, wäre auch für Griechenland, Spanien und Italien ein Warnsignal: Wer über seine Verhältnisse lebt, bekommt ein Problem.

Europa ist extrem kostbar. Als Wirtschaftsgemeinschaft, aber auch als Werte- und Friedensgemeinschaft. Das dürfen ein paar Verwirrte in Nikosia nicht zerstören. Die EU muss sachlich und hart bleiben.

carsten.heil@ihr-kommentar.de

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