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VON THOMAS SEIM

Kommentar Ein Name als Programm

Der neue Papst

Thomas Seim
Thomas Seim

Schneller als erwartet hat die katholische Kirche ihren Frieden gemacht. Nur zweieinhalb Wochen vor den höchsten Feiertagen der Christen, dem Osterfest, haben die Kardinäle der großen Weltkirche sich einen neuen Führer gegeben: Franziskus. Das gibt Klarheit. Man mag schon an der Tatsache, dass erstmals der Name Franziskus gewählt worden ist, erkennen, wie sehr dieser neue Papst für eine Neubesinnung der Kirche stehen wird.

Ein Jesuit an der Spitze – es ist eine Revolution für die katholische Kirche. Ein Papst erstmals aus Argentinien, von einem Kontinent, der die Kirche dort hat wachsen lassen an der Seite des einfachen, armen Volkes. Schon am demütig-schlichten ersten Auftritt des neuen Papstes – ohne große Geste, mit einfachem "Vaterunser", mit Dank an seinen Vorgänger, in unschuldigem Weiß ohne Papstkrone – lassen sich die Leitplanken des neuen Pontifikats ablesen. Der Kern seines Wirkens wird auf das Wesentliche, den Dienst am Menschen und seine Erlösung gerichtet sein.

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Das ist nicht die schlechteste Wahl für die katholische Kirche, die in vielen Krisen steckt. Der emeritierte deutsche Papst Benedikt XVI. hat seinem Nachfolger Franziskus ein üppiges Feld hinterlassen, das der Bestellung bedarf. Es beginnt mit der Herausforderung einer Neuordnung der Kirche nach innen und endet noch lange nicht mit der Verteidigung der Weltbedeutung nach außen.

Die römische Kurie selbst bedarf der nachhaltigen Reform. Sie ist – nicht erst durch die Vatileaks-Affäre um den Kammerdiener Benedikts, aber durch sie dramatisch verschärft – bislang von Intrigen gelähmt. Es beschlich den Beobachter häufig das Gefühl, dass diese Kirche so mit sich selbst und ihren Defiziten beschäftigt war, dass sie ihrer eigentlichen Aufgabe, der Verkündung des Glaubens, nicht mehr ausreichend nachkam.

In der Mission, in der Verbreitung und Begründung des Glaubens aber besteht ihre große Herausforderung. Nach wie vor ist die katholische Kirche ein großer Richtungsgeber für die ganze Welt. Immer mehr gläubige Menschen warten auf Antworten, die sich ihrer Lebensrealität stärker annähern. Das beginnt bei der Frage nach dem Schutz des Lebens und der Lebensplanung und endet längst nicht bei der Frage nach dem Schutz und der Betreuung von vergewaltigten Frauen in katholischen Kliniken, die wir in Köln in Zweifel gezogen sahen.

Viermal waren die Oberhäupter aus allen Kontinenten vergeblich an die Wahlurne gegangen. Trotzdem darf man die Entscheidung schnell nennen. Das spricht für die Stärke dieser Weltkirche. Vielleicht ist es der größte Dienst des Vorgängers Benedikt XVI. an seiner Kirche, dass er mit dem ersten Rücktritt eines Papstes seit mehr als 700 Jahren die Konventionen und Traditionen aufgebrochen und reformbereit gemacht hat.

Die historische Leistung des Nachfolgers Franziskus wird daran zu messen sein, wie sehr er diese Reformbereitschaft für die Erneuerung der Weltkirche zu nutzen weiß. Für die Stadt. Und für den Erdkreis.

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