Die deutsche Nationalhymne. - © picture alliance / Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa
Die deutsche Nationalhymne. | © picture alliance / Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa

Meinung Gendergerechte Nationalhymne: Richtiger Grundgedanke, falsche Umsetzung

Die Gleichstellungsbeauftrage der Bundesregierung möchte die deutsche Nationalhymne ändern

Leandra Kubiak

Berichten zufolge möchte die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, die deutsche Nationalhymne ändern lassen. Der Auszug aus dem Deutschlandlied soll geschlechtsneutral werden, so ihr Vorschlag. Aus "Vaterland" könnte "Heimatland" werden, die Zeile "brüderlich mit Herz und Hand" solle in "couragiert mit Herz und Hand" umgeschrieben werden. Der Grundgedanke, Frauen konsequent - auch sprachlich - mit einzubeziehen, und eben nicht nur "mitzudenken", der dem Vorstoß zugrunde liegt, ist grundsätzlich richtig. Dennoch gibt es auch Kritikpunkte. Warum gerade jetzt? Gleichberechtigung ist ein Thema, das alle angeht. Nicht nur am Weltfrauentag, sondern an jedem Tag. Den Vorschlag ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Weltfrauentag am 8. März (der Zusammenhang liegt hier auf der Hand) zur Diskussion zu stellen, wertet die Sache eher ab. Zumal eine solche Entscheidung durchdacht sein, und nicht übers Knie gebrochen werden sollte. Es gibt drängendere Themen Viele Beispiele belegen, dass sich Geschlechter-Stereotype auch in der deutschen Sprache widerspiegeln (man denke zum Beispiel an die Putzfrau und die Krankenschwester - Begriffe, die in der männlichen Form nie verwendet würden). An vielen Stellen gibt es da Verbesserungsbedarf, denn das, was für uns rein sprachlich völlig selbstverständlich ist, manifestiert natürlich auch bestimmte Denkmuster. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, denn der alltägliche Sprachgebrauch lässt sich nicht von heute auf morgen umkrempeln. Die Gesellschaft muss solche Änderungen mittragen. Viel wichtiger aber: Bevor es um Nuancen im Sprachgebrauch geht, sollte doch wohl sichergestellt werden, dass die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in den Gesetzen verankert ist. Die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist nur ein Beispiel, das derzeit wesentlich weiter oben auf der Agenda stehen sollte, als eine geschlechtsneutrale Nationalhymne. Wie zeitgemäß kann ein Gedicht aus dem 19. Jahrhundert sein? Dass in der deutschen Nationalhymne, der dritten Strophe des Deutschlandlieds, von "Brüderlichkeit" und dem "Vaterland" die Rede ist, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der Verfasser der Zeilen, im 19. Jahrhundert gelebt hat. Dass es zu dieser Zeit kein Bewusstsein für geschlechtergerechte Sprache gab, braucht man eigentlich nicht zu erwähnen. Inhaltlich würde die vorgeschlagene Änderung das Gedicht nicht einmal groß antasten. Insofern ist eine Änderung nicht völlig abwegig. Man würde damit aber einen Text "glattbügeln", der in einer völlig anderen Zeit verfasst wurde und von dem ohnehin nur eine der Strophen dazu taugt, im 21. Jahrhundert noch deutsche Nationalhymne zu sein. Müsste man dann nicht konsequenterweise auch überdenken, wie zeitgemäß das Deutschlandlied überhaupt noch ist? Kanzlerin Angela Merkel äußerte am Montag übrigens, sie sei „sehr zufrieden" mit der traditionellen Form der Hymne und sehe keinen Bedarf für eine Änderung. Kontakt zur Autorin

realisiert durch evolver group