Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern musste sich in einem TV-Interview peinliche Fragen gefallen lassen. - © picture alliance / MAXPPP
Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern musste sich in einem TV-Interview peinliche Fragen gefallen lassen. | © picture alliance / MAXPPP

Meinung Indiskrete Fragen nerven Schwangere - auch Neuseelands Premierministerin bleibt nicht verschont

Jacinda Ardern musste sich im Fernseh-Interview sehr persönliche Fragen gefallen lassen

Annika Falk-Claußen

Wer schwanger ist, muss sich allerlei Fragen anhören. Klar, Familie und Freunde sind neugierig. Und mit denen spricht man auch gerne über die spannende Neuigkeit. Aber auch Kollegen, Nachbarn und entfernte Bekannte interessieren sich auf einmal für den Körper einer Frau - und stellen ganz unverblümte Fragen. Dass die Öffentlichkeit alle Details wissen will, muss derzeit auch Jacinda Ardern, Neuseelands Premierministerin, erfahren. Als jüngste Regierungschefin weltweit verkündete sie im Januar, dass sie schwanger ist.

Für das australische Fernsehen wurde sie jetzt - gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Clarke Gayford - interviewt. Peinlicherweise fragte Interviewer Charles Wooley in "60 Minutes", wann genau das Baby denn erwartet werde. Das sei "eine wirklich wichtige politische Frage", betonte Wooley, der damit auf das Zeugungsdatum rund um die Wahlen im vergangenen Herbst anspielte. Die 37-Jährige war sichtlich irritiert. Zuvor hatte der Journalist bereits hervorgehoben, dass er noch nie eine so junge, kluge und attraktive Premierministerin getroffen habe und dass er ein wenig verliebt sei.

Einen kurzen Ausschnitt aus dem Interview veröffentlichte "60 Minutes Australia" auf Twitter:


Die Nutzer kritisierten die sexistischen Kommentare, die australische Autorin Belinda Barnet entschuldigte sich im Namen ihrer Nation sogar bei den Neuseeländern:


Um Politik ging es in der Sendung nur am Rande. Der Sender Channel9 promotete die Sendung stattdessen mit "Jung, ehrlich und schwanger" und stellte Arderns Privatleben in den Vordergrund. Eine Reaktion, die schwangere Frauen in Deutschland auch immer wieder erleben.

Nach der Geburt gehen die Fragen weiter

Denn die neugierigen, teilweise intimen Fragen, die sonst der Anstand verbieten würde, begleiten die Schwangerschaft: Wie viel hast du denn schon zugenommen? Kriegst du Zwillinge? War das geplant? Wie, du fährst in deinem Zustand noch in den Urlaub? Ist dir ständig übel? Was wird es denn? Oder von Kollegen: Wie lange bleiben Sie weg? Kommen Sie danach wieder? Wer kümmert sich denn dann um das Kind? Wir haben die zehn Sätze, die Schwangere nicht hören wollen, zusammengefasst.

Auch nach der Geburt lassen die Fragen nicht nach. Schläft es schon durch? Klappt es mit dem Stillen? Wie war die Geburt? Ach, Ihr Mann kümmert sich um das Kind und Sie arbeiten wieder: Kommt der denn klar? Alles Fragen, die zwar ein wohlmeinendes Interesse bekunden, die aber vor allem im beruflichen Umfeld indiskret und unangebracht sind. Aber rund ums Kinderkriegen herrscht eine gewisse Distanzlosigkeit. Das gipfelt darin, dass fremde Menschen den Bauch einer Schwangeren betatschen. Und zahlreiche gute Tipps geben - ungefragt.

Leider erleben viele Frauen nach der Geburt eines Kindes, dass sie von Kollegen und Bekannten künftig aufs Muttersein reduziert werden. Natürlich ändert sich durch Nachwuchs vieles im Leben (im Leben von Vätern übrigens auch). Aber trotzdem ist man nicht nur Mutter. Jacinda Ardern wird mit Nachwuchs eine gefragte Politikerin bleiben, daran ändert jedenfalls die Schwangerschaft und Geburt nichts. Nur wird sie sich immer wieder Fragen nach ihrem Privatleben anhören müssen. Sie wird sich verteidigen müssen, dass sie Job und Familie gut vereinbaren kann. Fakt ist: Einem Mann werden derartige Fragen nicht gestellt, wenn er Vater wird.

Es ist eben noch ein sehr weiter Weg bis zur echten Chancengleichheit.

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Zehn Sätze, die Schwangere nicht hören wollen

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