Ein Lobbyverein der Automobilbranche hat Abgastestsan Tieren und Menschen finanziert. Die Bundesregierung ist empört. - © picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB
Ein Lobbyverein der Automobilbranche hat Abgastestsan Tieren und Menschen finanziert. Die Bundesregierung ist empört. | © picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Bielefeld Kommentar zu Abgastests an Menschen: "Schreibtisch-Denken"

Thomas Seim

An einer deutschen Universität – an einer der renommiertesten und international am meisten beachteten noch dazu – sperrt man Menschen für drei Stunden in eine Kammer. Dann lässt man Gas in diese Kammer. Grenzwerte für Menschen werden nicht überschritten. Gesundheitliche Effekte gibt es nicht. Immerhin. Was für eine Ethik-Kommission ist das? Eine Ethikkommission hielt das für vertretbar. Welche Ethik-Kommission kann oder sollte das gewesen sein? Ethik ist die Lehre von den Sitten. Von den guten Sitten. Eine Ethik-Kommission, die an ihren Schreibtischen berät und einen Versuch für vertretbar hält, in dem an Menschen in einer Kammer mit Gas experimentiert wird, müsste eigentlich bereits geschlossen zurückgetreten sein. Der zuständige Institutsleiter der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen widerspricht der Schlussfolgerung, dass es bei den Versuchen mit Gas an Menschen in einer Kammer um den Dieselskandal gegangen sei. Ein Institutsleiter, der sich an seinem Schreibtisch vor allem bemüßigt fühlt, den Zusammenhang zum Dieselskandal zu relativieren, müsste eigentlich bereits darüber nachdenken, ob er diesen Schreibtisch nicht verlassen sollte oder muss. Konzernchefs haben versagt Die Autokonzerne VW, Daimler, BMW und Bosch gründen eine „Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor", die die Versuche an Menschen mit Gas in der Kammer fördert. Die Konzernverantwortlichen distanzieren sich von diesem inzwischen aufgelösten Institut und kündigen an, sie würden Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Die sollen in Rechtsabteilungen sitzen. So wie die Ingenieure zum Beispiel von VW die Verantwortung für den Dieselskandal tragen sollen. Konzernchefs und ihre Aufsichtsräte indes, die sich an ihren Schreibtischen zum wiederholten Mal hinter ihren Mitarbeitern gleich welcher Abteilung verstecken, müssten sich schon mal nach ihrer persönlichen Verantwortung fragen lassen. Vor allem aber erwartet man von ihnen, dass sie die Mentalität an den Schreibtischen in ihren Konzernen ändern. Das haben sie offensichtlich nicht getan, also versagt. Es gibt keine erkennbaren Schäden, sagt das Institut. Doch, die gibt es. Allen Beteiligten fehlte nicht nur historisches Bewusstsein, fehlte nicht nur moralische Integrität, sondern auch ein Gefühl für Unrecht. Moralisches, juristisches, historisches Unrecht. Ethik – damit umschreiben wir alle sittlichen Normen, auf denen verantwortungsbewusstes Handeln fußt. Dies hat es an diesen Schreibtischen nicht gegeben. Kontakt zum Autor

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