Eine Soziologin fordert Frauen in der #MeToo-Debatte Frauen unter anderem dazu auf, aufs Schminken zu verzichten. Unsin, findet unsere nw.de-Autorin. - © picture alliance / dpa Themendienst
Eine Soziologin fordert Frauen in der #MeToo-Debatte Frauen unter anderem dazu auf, aufs Schminken zu verzichten. Unsin, findet unsere nw.de-Autorin. | © picture alliance / dpa Themendienst

Bielefeld #MeToo: Warum die Forderung nach Make-up-Verzicht Unsinn ist

Soziologin der Uni Bielefeld fordert in einem Beitrag Frauen dazu auf, "Ungleichheit abzuschminken"

Angela Wiese

Die Bielefelder Soziologin Barbara Kuchler fordert in einem Beitrag für Zeit Online eine grundlegende Veränderung der mit dem Hashtag #MeToo versehenen Sexismusdebatte. Kuchler möchte stattdessen einen #OhneMich-Diskurs. Ihre Idee: Solange sich Frauen als das schöne Geschlecht geben, sich schminken und figurbetonte Klamotten anziehen, sind sie Teil des Systems, weil Frauen sich auf diese Weise "permanent als Körper präsentieren". Drei Gründe, warum das Unsinn ist. Das Make-up Keine enge Kleidung, keine Strumpfhosen, kein Make-up, weg damit. Diese Dinge unterstützen ein System, das letztlich Grapschen begünstigt, meint Kuchler. So soll das laufen? Nein danke. Ich bleibe dabei, kleide und "schmücke" mich, wie ich möchte oder lasse es eben bleiben. Ich als Frau muss gar nichts ändern. Stattdessen habe ich konkrete, zeitgemäße und leicht zu erfüllende Erwartungen an meine Mitmenschen und beschwere mich, wenn diese nicht erfüllt werden: Wir haben 2017 und ich erwarte, dass mein Gegenüber - egal ob Mann oder Frau - in der Lage ist, mich nicht als irgendeinen verfügbaren Körper zu betrachten. Ich erwarte, dass wir uns gegenseitig als Menschen mit Verstand und Gefühlen betrachten und uns mit Respekt behandeln. Gleich welche Klamotten wir anhaben oder in welcher Farbe unsere Lider gerade glänzen. So einen Umgang finde ich gut. Und er passt auch viel besser in das Jahr 2017 als eine allen aufgezwungene Optik, die verhindern soll, dass jemand sehen kann, dass Frauen- und Männerkörper unterschiedlich sind. Die Macht Kuchler findet die #MeToo-Debatte zu oberflächlich. Ich finde, eine #OhneMich-Debatte wäre viel oberflächlicher. Denn diese würde sich ja ausschließlich um Oberflächlichkeiten drehen, also darum, wie Frauen auftreten, welche Schuhe sie tragen und welchen Lippenstift. Eine Debatte um solche Obeflächlichkeiten nähme auch nicht das eigentliche Problem in den Fokus. Hinter Chauvinismus, Belästigung oder Vergewaltigung steht in der Regel ein Machtgefälle. Ein Mensch, der einen anderen Menschen sexuell belästigt, nutzt seine Machtpostition - ob sie real existiert oder nur in seinem Kopf - aus, fühlt sich durch sie bestätigt in seinem Handeln und respektiert sein Gegenüber weniger. Die Symmetrie Kuchler sieht das eigentliche Problem in der Asymmetrie. Im Grunde füge sich die Frau in eine gesellschaftliche Rolle, die ihr vorschreibe, gut aussehen zu müssen. Eine Frau tue mehr für ihr Aussehen als ein Mann. Das müsse ausgeglichen werden. Die Frau solle das übernehmen, indem sie sich nicht aufwendiger um ihr Aussehen kümmert, als es ein Mann tun würde. Nur: Warum sollten wir uns eigentlich einer optischen Gleichmacherei unterziehen wollen? Warum einem Dresscode unterwerfen, wie es Frauen in früheren Zeiten schon tun mussten? In meinen Augen zählt zu den Vorteilen der Individualisierung, dass mir in diverse Lebensbereiche keiner reinredet. Ich halte die Abwesenheit von Fremdbestimmung für eine Errungenschaft, auch bei so etwas Banalem wie dem Aussehen. Ob ich enge Hosen, Röcke, High Heels trage oder genau das nicht tue, spielt dabei keine Rolle. Es ist meine Entscheidung. Und nur darum geht es.

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