Der Altmarkt in Cottbus.  - © picture alliance
Der Altmarkt in Cottbus.  | © picture alliance

Meinung AfD im Osten: Ich verstehe das Ergebnis in meiner Heimat nicht

Kommentar zum Wahlergebnis im Osten

Angela Wiese

Eigentlich habe ich schon sehr lange überhaupt gar keine Lust mehr, Artikel über "die Ostdeutschen" (richtig schlimm: "die Ossis") zu lesen. Dieses permamente Herumanalysieren an den Menschen in den ostdeutschen Regionen, als gehörten sie einer besonderen Spezies an und wären nicht schlicht Deutsche, hat mich nie wirklich erreicht. Am Sonntagabend hat sich das geändert. Ich lebe bereits seit 2003 in Nordrhein-Westfalen. Als ich hierher zog war ich 19, aufgewachsen bin ich aber in Cottbus. Das ist meine Heimatstadt, so sehe ich sie auch heute noch. Cottbus liegt im Süden Brandenburgs und ist die größte Stadt in der Niederlausitz. Der Spreewald ist ganz nah. Die Arbeitslosenquote lag im August 2017 bei 7 Prozent. Ich kann jedem selbstbewusst einen Kurztrip in die Gegend empfehlen und tue das auch gelegentlich. Cottbus ist zwar optisch nicht immer schön gewesen, ist es aber heute. Viele Gebäude sind nach der Wende saniert worden, der Stadtkern mit seinen Altbauten hat sich zum Treffpunkt mit für meinen Geschmack hervorragender Gastronomie entwickelt. Ich bin gerne in der Stadt. Ich mag die Menschen dort. Sie sind offen und ehrlich. "Wahlschock" nach der Bundestagswahl Seit Sonntag geht es im Zusammenhang mit Cottbus aber sehr häufig um den "Wahlschock" und darum, dass die AfD die Lausitz überrollt hat. In Cottbus ist die AfD stärkste Partei bei den Zweitstimmen geworden. Sie holte 24,3 Prozent der Stimmen, die CDU liegt bei rund 23 Prozent, 9,8 Prozent weniger als bei der letzten Bundestagswahl. Was ist da los? Ich glaube, ich muss doch mehr von diesen Artikeln über Ostdeutsche lesen. Denn ich kann die Frage nicht beantworten, ich verstehe dieses Wahlergebnis nicht. Ich verstehe nicht, warum eine rechte Partei so einen großen Erfolg in meiner Heimatstadt haben kann. Am Dienstag, zwei Tage nach der Wahl, gibt es die ersten Erklärungsversuche von Stadtoberhäuptern in Brandenburg, auch in Cottbus. Neben dem Braunkohleausstieg, seinen wirtschaftlichen Folgen und einer stark kritisierten Kreisgebietsreform fällt immer wieder ein Stichwort: Flüchtlinge. Was sonst. Flüchtlinge in Cottbus Dazu muss man wissen, dass es in Cottbus im Vergleich zum Beispiel mit Bielefeld vor 2015 nicht viel Zuwanderung gab. Das Stadtbild war dort nie so bunt. Und man muss wissen, dass Cottbus etwas mehr als 100.000 Einwohner zählt und laut Angaben der Stadt aktuell 3.200 Flüchtlinge in sozialen Sicherungssystemen leben. Die meisten kommen aus Syrien. Dazu kommt eine nicht erfasste Zahl von Menschen mit Fluchterfahrung, die mittlerweile Deutsche sind. Im Gespräch mit der Lausitzer Rundschau sagt der Cottbuser CDU-Oberbürgermeister, dass ein "wesentlicher Grund" für das Abschneiden der AfD der Zuzug von überproportional vielen Flüchtlingen sei, etwa 15 Prozent des Gesamtaufkommens des Landes seien in der Stadt. Ich kenne niemanden in Cottbus, dem durch den Zuzug von Flüchtlingen materiell irgendetwas weggenommen wurde, dem jetzt irgendetwas fehlt. Die Sicherheitslage habe sich geändert, ist zu lesen. Das erklärt immer noch nicht, wieso dort die AfD so viel stärker abschneidet als in anderen Teilen Deutschlands. Selbst in der AfD-Hochburg von Nordrhein-Westfalen, Gelsenkirchen, holte die Partei mit 17 Prozent der Zweitstimmen deutlich weniger als in Cottbus. Mehrere Erklärungsversuche Rechtsradikale sind in Cottbus schon lange ein Thema, und das hat sich mit den 90er Jahren nicht etwa verabschiedet. Wer das Problem kleinredet, lügt sich in die Tasche. Rechte Demos haben zugenommen. An einem Freitagabend Anfang 2017 marschierten über 100 Rechtsextreme vermummt durch die "Sprem", die Bummelmeile im Stadtkern. Doch auch damit kann der Wahlerfolg der AfD nicht erklärt werden. Dafür ist das Ergebnis viel zu hoch. Es gibt noch weitere Erklärungsversuche. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, sagte der Berliner Zeitung vor der Wahl, dass viele Ostdeutsche den Umbruch bis heute nicht verkraftet hätten. Viele seien im neoliberalen Transformationsprozess aus der Bahn geraten, so Krüger. Abgehängte Ostdeutsche Krügers Argument ist bekannt. Ostdeutsche, die sich als ohnmächtige Abgehängte fühlen, spielten auch die Hauptrolle in vielen Berichten. Solche Reportagen haben mich zuletzt nur noch genervt. Ich kann es nicht mehr hören. Denn auch das erklärt mir dieses Wahlergebnis nicht. Vielleicht bin ich dafür zu jung. In den Wendejahren bin ich eingeschult worden. Ich kenne auch keinen von diesen wütenden Abgehängten in Cottbus. Das macht das Fragezeichen in meinem Kopf nur noch größer. Ich kann letztlich nur feststellen: Ich kenne den Grund für das Wahlergebnis in Cottbus einfach nicht. Ich kann das Ergebnis nicht einmal besser verstehen als Menschen, die nicht dort aufgewachsen sind. Die These von den abgehängten Protestwählern, möglicherweise ist sie richtig. Aber egal wie gebrochen die Biografien, wie stark das Ohnmachtsgefühl nach der Wende, das Gefühl der Vernachlässigung - sind diese Gründe stark genug, um eine rechte Partei in den Bundestag zu wählen? Für mich (und viele andere Cottbusser) nicht. Im Gegensatz zu vielen, die jetzt auf Ostdeutschland schauen, ohne je dagewesen zu sein, kann ich sagen: Für mich bleibt Cottbus eine schöne Stadt, eine Stadt mit offenen Menschen, in der ich mich gerne aufhalte. Cottbus ist keine Stadt von Rechtspopulisten. Das wird sich hoffentlich auch im nächsten Wahlergebnis zeigen.

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