Zerstört das ganz große Geld den Fußball? Unsere Autoren diskutieren. - © picture alliance / blickwinkel/McPHOTO
Zerstört das ganz große Geld den Fußball? Unsere Autoren diskutieren. | © picture alliance / blickwinkel/McPHOTO

Schwarz-Weiß Debatte: Geht der Fußball am Kommerz kaputt?

Unsere Autoren diskutieren die Auswirkungen von astronomischen Geldbeträgen auf den Sport

Julian Rüter
Carsten Blumenstein

Geld, Geld, Geld – es scheint so, als ginge es um nichts mehr anderes im Fußball. Die Ablösen steigen in aberwitzige Dimensionen, die TV-Gelder werden immer horrender und ein Trikot des Lieblingsclubs kostet plötzlich über 100 Euro. Unsere Autoren streiten, ob das Rad irgendwann überdreht ist. Schwarz: Her mit den Millionen Ob Paris nun 222 Millionen für Neymar bezahlt 333 oder 666, das ist doch völlig egal. Das sind absurde Summen, aber der Fußball ist auch kein Sport mehr, der nur Menschen aus dem nahen Umkreis ins Stadion zieht. Fußball ist global geworden. Er ist nicht mehr nur ein Sport, sondern ein Geschäft. Da ändern sich auch die Summen, die gezahlt werden. Jetzt eben 222 Millionen. Ja und?! Dr. Oetker hat auch irgendwann nur in OWL angefangen, sich dann auf die ganze Welt ausgeweitet und Unternehmen für viele Millionen Euro gekauft. Hat irgendjemand deswegen am Herd gestanden und gesagt: „So geht das nicht. Ab jetzt kaufe ich keine Backmischungen mehr." Nein! Und deswegen werden die Fans auch nicht plötzlich sagen: „Ich gehe jetzt nur noch zu den Amateuren." Oder: „ Ab jetzt gucke ich Handball." Sie werden genau so weiter ins Stadion laufen wie sie seit 50 Jahren den Vanillepudding von Oetker kaufen und anrühren. So ist das Leben. Kommen wir zurück zum Geld. Die Bundesliga kassiert pro Saison 1,16 Milliarden Euro an Fernsehgeldern – das ist wirklich unglaublich. Aber sind für den Normalbürger, oder den 0-8-15-Fan nicht 50 Millionen genauso ungreifbar wie 1,16 Milliarden? Das was im Fußball an Geld gezahlt wird, ist doch nur noch eine Randnotiz. Deswegen geht nicht die Fanliebe zu Bruch. Mein Verein bleibt mein Verein. Wenn die Liebe der Fans und die Faszination für den Sport wirklich von TV-Geldern, Gehältern oder Ablösesummen abhängig wären, dann wäre der Fußball doch längst tot. 1976 zahlte der 1. FC Köln als erster Verein der Bundesliga über eine Million Mark für einen Spieler. Für die Fans eine unglaubliche Summe. Für die Zeit auch. Aber die Wirtschaft dreht sich weiter. Fußballvereine sind von mittelständischen Unternehmen zu Global Playern geworden. Das ist keine Schande, sondern ein Teil der Globalisierung. Von daher: Immer her mit den Millionen. Weiß: Geld verdirbt den Charakter Fußball ist ein unkomplizierter Sport. Relativ einfache Regeln, das Runde muss irgendwie ins Eckige. Und beim Elfmeterschießen gewinnen immer die Deutschen. Spaß pur, Woche für Woche. Die Zeiten, in denen man mit großer Freude das Spiel verfolgen kann, sind aber vorbei. Das liebe Geld hat vieles kaputt gemacht. Okay, richtig guten Bolzern bei der Arbeit zuzusehen, macht ab und an gute Laune. Aber die kosten halt, in letzter Zeit sogar ein bisschen zu viel. Von irgendwo her kommt ein Scheich angelaufen und zahlt unsagbar viel Geld für Neymar, einfach so. Warum soll der 20-jährige Dortmunder Démbéle 100 Millionen Euro wert sein? Keiner kann es genau sagen. Die freie Marktwirtschaft bestimmt die Preise, eine richtige Kontrolle des Handelns von Großklubs gibt es anscheinend nicht. Trotz Financial Fairplay. Und die Bundesliga? Macht nicht richtig mit, ist aber ein Teil des Kreislaufs. Denn auch in Deutschland ist Geld überaus wichtig, um international mitzuhalten. Reisen nach Asien und Amerika werden auf Kosten der Profis als Marketingstrategie verkauft, immer neue Märkte (und damit Geld) sollen her. Ich liebe den Fußball unterhalb der Bundesliga. Auch in der 2. und 3. Liga bestimmt die Kohle das Geschäft, doch es läuft alles eine Nummer kleiner ab. Dort kann man auch mit bescheidenen Mitteln noch etwas erreichen. Gutes Scouting, guter Trainer – schon kann es laufen. Bestes aktuelles Beispiel: Arminia Bielefeld. Der sympathische Trainer Jeff Saibene hat Ahnung vom Fußball und baut trotz eines kleinen Etats eine schlagkräftige Truppe auf. Und er hat Angst um seinen Sport. „Bei solchen Summen verliert der Fußball auch Werte. Irgendwann wenden sich die Leute von diesem Wahnsinn ab. Die Fans verlieren so langsam die Lust", sagt Saibene. Recht hat er. Geld verdirbt den Charakter und schießt nicht immer Tore. Hoffentlich beweisen das an diesem Wochenende mal wieder ein paar Amateurclubs, indem sie im DFB-Pokal einen Bundesligisten raushauen.

realisiert durch evolver group