Polizei sichert den Ort des Selbstmordanschlags in Lahore (Pakistan), wo mindestens 70 Menschen getötet worden sind. - © dpa / picture alliance
Polizei sichert den Ort des Selbstmordanschlags in Lahore (Pakistan), wo mindestens 70 Menschen getötet worden sind. | © dpa / picture alliance

Bielefeld Kommentar: Anschlag zu Ostern in Lahore - Heuchlerische Anteilnahme

Carsten Heil

Sind wir Lahore? Sind wir Istanbul? Oder Ankara? Nein. Wir sind Charlie Hebdo, sind Paris und sind Brüssel. Wenn der Terror geografisch nah an uns heranrückt, sind wir betroffen, trauern und sind entsetzt. Aber ein Menschenleben ist in Lahore genauso viel wert wie in Paris oder Berlin. Deshalb ist der Anschlag vom Osterwochenende genauso verheerend und bösartig wie der vergangene Woche in Brüssel. Doch seien wir ehrlich, wir gehen noch schneller zur Tagesordnung über als wenn der Terror in einem Nachbarland zuschlägt. Dabei sind in Lahore – so scheint es – besonders Christen und vor allem viele Kinder betroffen. Doch Menschen spüren überall auf der Erde schmerzhaft den Verlust. Der Terror ist überall gleich bösartig. Zu recht hat deshalb Papst Franziskus in seiner Osterbotschaft diese Form der Auseinandersetzung gegeißelt. Vielleicht ist es radikalen Islamisten ein besonderer Dorn im Auge, dass Ostern das Fest ist, das die christliche Nächstenliebe begründete, ihr Ewigkeitscharakter verlieh – bei allem historisch-politischen Versagen der christlichen Kirchen. Ostern, die Auferstehung Jesu, ist in christlichem Verständnis ein Symbol dafür, dass die Religion der Nächstenliebe nicht totzukriegen ist. Sie weist in der Weltgeschichte weit über das Christentum hinaus, wofür Mahatma Gandhi und auch Nelson Mandela stehen. Sie haben mit Erdulden den Sieg davon getragen. Und selbst dieser Sieg wurde von der Geschichte und machtgierigen Gruppen wieder eingeholt. Entsprechend wird der Westen mit mehr Bomben die radikalisierten Muslime nicht niederringen. Nur mit Verhandlungen und Geduld, bei gleichzeitiger Abwehrbereitschaft wird das funktionieren. Das Vorrücken syrischer Regierungstruppen in Palmyra und deren aktuellen Erfolge gegen den IS werden weltweit mehr oder weniger begrüßt. Nach dem Motto: Da wird dem Terror der Boden entzogen. Das mag sein. Aber Besserung ist nicht zu erwarten, denn vor wenigen Monaten verurteilten noch die versammelten Demokratien den syrischen Machthaber Assad. Der lässt foltern und Bomben auf sein Volk regnen. Ihn jetzt als Befreier mit Sympathien zu begleiten, hat einen üblen Beigeschmack. Denn das ist ein ähnlicher Reflex wie die Trauer bei Anschlägen in Brüssel und die Gleichgültigkeit gegenüber Opfern in Istanbul oder Lahore. Solange wir von dem ganzen Chaos verschont werden, ist alles gleichgültig. Darüber sollte der Westen nachdenken und sich ehrlich machen. Denn derzeit wirkt unsere Anteilnahme etwas heuchlerisch. Ihr Kontakt zum Autor

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