Entsetzen und Rettungsversuche: Sanitäter bergen ein Opfer nahe der Blauen Moschee im touristisch beliebten Sultanahmet-Viertel in Istanbul. Die türkische Regierung macht einen Selbstmordattentäter der Terrormiliz IS für den Anschlag verantwortlich.  - © dpa
Entsetzen und Rettungsversuche: Sanitäter bergen ein Opfer nahe der Blauen Moschee im touristisch beliebten Sultanahmet-Viertel in Istanbul. Die türkische Regierung macht einen Selbstmordattentäter der Terrormiliz IS für den Anschlag verantwortlich.  | © dpa

Kommentar Anschlag in der Türkei: Der Krieg rückt näher

Carsten Heil kommentiert das Selbstmordattentat in Istanbul

Carsten Heil

Ein Selbstmordattentäter hat fast auf den Tag genau zwei Monate nach der Terrorserie von Paris im historischen Zentrum Istanbuls wohl zehn Deutsche mit sich in den Tod gerissen. Ein Kommentar von Carsten Heil: Noch sind nicht alle Hintergründe des bösen Attentates von Istanbul aufgeklärt. Es ist nicht wirklich sicher, dass es der IS war, der acht deutsche Touristen in den Tod gebombt und weitere neun verletzt hat. Kurden kommen dafür ebenfalls in Frage, weil der machtgierige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum eigenen Machterhalt in diesem Jahr den Krieg gegen die kurdische PKK nach vielen friedlichen Jahren wieder angefacht hat. Sie haben in den vergangenen Monaten wiederholt Anschläge verübt. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum ausgerechnet deutsche Touristen im Fokus der Terroristen standen. Deutschland unterstützt die kurdischen Peschmerga-Kämpfer mit Waffen im Kampf gegen den IS, und auch wenn die PKK in Deutschland weiter verboten ist, sind die Beziehungen derzeit doch eher entspannt. Eine Beteiligung am Krieg in Syrien wird teuer Entsprechend spricht viel dafür, dass der IS mit einem einzigen Anschlag gleich mehrfach Wirkung erzielt hat: Er trifft den Tourismus in der Türkei und damit die Wirtschaft und signalisiert gleichzeitig Deutschland, dass eine Beteiligung am Krieg in Syrien teuer wird. Seit wenigen Tagen starten deutsche Tornados zu Aufklärungsflügen über vom IS kontrollierten Gebiet und geben alliierten Bombern wichtige Zielkoordinaten. Das haben IS-Kämpfer und -Kommunikatoren seit vielen Monaten immer wieder unterstrichen: Wer gegen den IS kämpft, muss mit dem Tod rechnen. Der deutsche Publizist, Politiker und Manager Jürgen Todenhöfer hat diese Haltung in seinem aktuellen Buch „Inside IS" eindrucksvoll belegt. Auch ein russisches Zivilflugzeug wurde über dem Sinai abgeschossen, kurz nachdem Russland die Bombardements in Syrien begonnen hatte. Deutschland und Deutsche müssen damit rechnen, vom IS angegriffen zu werden. Wir Deutsche stehen im Visier der Terroristen. Der syrische Krieg ist näher an Deutschland herangerückt. So wie an Frankreich, das schon einen hohen Blutzoll gezahlt hat. Der Pariser Anschlag im November fand übrigens im Umfeld des Länderspiels Frankreich – Deutschland statt. Auch das war schon ein Signal. Anschlag als Vergeltung für Kehrtwende der Türkei Darüber hinaus hat der IS der Türkei zuletzt immer wieder gedroht, in vielen Video-Botschaften oft in türkischer Sprache. Die türkische Art, den muslimischen Glauben zu leben, ist für die radikalen Islamisten ein Abfall vom wahren Glauben und der nach deren Ansicht des Todes würdig. Hinzu kommt, dass die Türkei ihre Unterstützung für den IS zurückgefahren hat. Lange wurden IS-Kämpfer in der Türkei medizinisch behandelt, Waffen geliefert, europäische Sympathisanten sickerten über die Türkei nach Syrien ein. Das versuchte Ankara seit einigen Wochen auf Druck der Amerikaner und Europäer zu unterbinden. Der Anschlag mag auch Vergeltung für diese Kehrtwende sein. In Deutschland – und das hat Kanzlerin Angela Merkel gut ausgedrückt – herrscht Mitgefühl mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen, aber auch mit den Türken, Franzosen, Tunesiern und anderen, die seit Monaten vom IS-Terror betroffen sind. Kontakt zum Autor

realisiert durch evolver group